The Project Gutenberg EBook of Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Nathan der Weise
       Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen

Author: Gotthold Epraim Lessing

Release Date: October, 2005 [EBook #9186]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 13, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE ***




Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau




This Etext is in German.

We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
may require more specialized programs to display the accents.
This is the 7-bit version.

This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.




NATHAN DER WEISE

Gotthold Ephraim Lessing

Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen


Introite, nam et heic Dii funt!--Apud Gellium


Personen:

Sultan Saladin
Sittah, dessen Schwester
Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem
Recha, dessen angenommene Tochter
Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden,
als Gesellschafterin der Recha
Ein junger Tempelherr
Ein Derwisch
Der Patriarch von Jerusalem
Ein Klosterbruder
Ein Emir
nebst verschiednen Mamelucken des Saladin

Die Szene ist in Jerusalem





Erster Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: Flur in Nathans Hause.)

Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.


Daja.
Er ist es! Nathan!--Gott sei ewig Dank,
Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.

Nathan.
Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
Hab ich denn eher wiederkommen wollen?
Und wiederkommen koennen? Babylon
Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
Genoetigt worden, gut zweihundert Meilen;
Und Schulden einkassieren, ist gewiss
Auch kein Geschaeft, das merklich foedert, das
So von der Hand sich schlagen laesst.

Daja. O Nathan,
Wie elend, elend haettet Ihr indes
Hier werden koennen! Euer Haus...

Nathan. Das brannte.
So hab ich schon vernommen.--Gebe Gott,
Dass ich nur alles schon vernommen habe!

Daja.
Und waere leicht von Grund aus abgebrannt.

Nathan.
Dann, Daja, haetten wir ein neues uns
Gebaut; und ein bequemeres.

Daja. Schon wahr!--
Doch Recha waer' bei einem Haare mit
Verbrannt.

Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie?--
Das hab ich nicht gehoert.--Nun dann! So haette
Ich keines Hauses mehr bedurft.--Verbrannt
Bei einem Haare!--Ha! sie ist es wohl!
Ist wirklich wohl verbrannt!--Sag nur heraus!
Heraus nur!--Toete mich: und martre mich
Nicht laenger.--ja, sie ist verbrannt.

Daja. Wenn sie
Es waere, wuerdet Ihr von mir es hoeren?

Nathan.
Warum erschreckest du mich denn?--O Recha!
O meine Recha!

Daja. Eure? Eure Recha?

Nathan.
Wenn ich mich wieder je entwoehnen muesste,
Dies Kind mein Kind zu nennen!

Daja. Nennt Ihr alles,
Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte
Das Eure?

Nathan. Nichts mit groesserm! Alles, was
Ich sonst besitze, hat Natur und Glueck
Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein
Dank ich der Tugend.

Daja. O wie teuer lasst
Ihr Eure Guete, Nathan, mich bezahlen!
Wenn Guet', in solcher Absicht ausgeuebt,
Noch Guete heissen kann!

Nathan. In solcher Absicht?
In welcher?

Daja. Mein Gewissen...

Nathan. Daja, lass
Vor allen Dingen dir erzaehlen...

Daja. Mein
Gewissen, sag ich...

Nathan. Was in Babylon
Fuer einen schoenen Stoff ich dir gekauft.
So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe
Fuer Recha selbst kaum einen schoenern mit.

Daja.
Was hilft's? Denn mein Gewissen, muss ich Euch
Nur sagen, laesst sich laenger nicht betaeuben.

Nathan.
Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,
Wie Ring und Kette dir gefallen werden,
Die in Damaskus ich dir ausgesucht:
Verlanget mich zu sehn.

Daja. So seid Ihr nun!
Wenn Ihr nur schenken koennt! nur schenken koennt!

Nathan.
Nimm du so gern, als ich dir geb:--und schweig!

Daja.
Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, dass Ihr nicht
Die Ehrlichkeit, die Grossmut selber seid?
Und doch...

Nathan. Doch bin ich nur ein Jude.--Gelt,
Das willst du sagen?

Daja. Was ich sagen will,
Das wisst Ihr besser.

Nathan. Nun so schweig!

Daja. Ich schweige.
Was Straefliches vor Gott hierbei geschieht,
Und ich nicht hindern kann, nicht aendern kann,--
Nicht kann,--komm' ueber Euch!

Nathan. Komm' ueber mich!--
Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie?--Daja,
Wenn du mich hintergehst!--Weiss sie es denn,
Dass ich gekommen bin?

Daja. Das frag ich Euch!
Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
Noch malet Feuer ihre Phantasie
Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,
Im Wachen schlaeft ihr Geist: bald weniger
Als Tier, bald mehr als Engel.

Nathan. Armes Kind!
Was sind wir Menschen!

Daja. Diesen Morgen lag
Sie lange mit verschlossnem Aug', und war
Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch!
Da kommen die Kamele meines Vaters!
Horch! seine sanfte Stimme selbst!"--Indem
Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
Dem seines Armes Stuetze sich entzog,
Stuerzt auf das Kissen.--Ich, zur Pfort' hinaus!
Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!--
Was Wunder! ihre ganze Seele war
Die Zeit her nur bei Euch--und ihm.--

Nathan. Bei ihm?
Bei welchem Ihm?

Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer
Sie rettete.

Nathan. Wer war das? wer?--Wo ist er?
Wer rettete mir meine Recha? wer?

Daja.
Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage
Zuvor, man hier gefangen eingebracht,
Und Saladin begnadigt hatte.

Nathan. Wie?
Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin
Das Leben liess? Durch ein geringres Wunder
War Recha nicht zu retten? Gott!

Daja. Ohn' ihn,
Der seinen unvermuteten Gewinst
Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.

Nathan.
Wo ist er, Daja, dieser edle Mann?--
Wo ist er? Fuehre mich zu seinen Fuessen.
Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schaetzen
Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?
Verspracht ihm mehr? weit mehr?

Daja. Wie konnten wir?

Nathan.
Nicht? nicht?

Daja. Er kam, und niemand weiss woher.
Er ging, und niemand weiss wohin.--Ohn' alle
Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr
Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,
Er kuehn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach,
Die uns um Hilfe rief. Schon hielten wir
Ihn fuer verloren, als aus Rauch und Flamme
Mit eins er vor uns stand, im starken Arm
Empor sie tragend. Kalt und ungeruehrt
Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute
Er nieder, draengt sich unters Volk und ist
Verschwunden!

Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen.

Daja.
Nachher die ersten Tage sahen wir
Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,
Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.
Ich nahte mich ihm mit Entzuecken, dankte,
Erhob, entbot, beschwor,--nur einmal noch
Die fromme Kreatur zu sehen, die
Nicht ruhen koenne, bis sie ihren Dank
Zu seinen Fuessen ausgeweinet.

Nathan. Nun?

Daja.
Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;
Und goss so bittern Spott auf mich besonders...

Nathan. Bis dadurch abgeschreckt...

Daja. Nichts weniger!
Ich trat ihn je den Tag von neuem an;
Liess jeden Tag von neuem mich verhoehnen.
Was litt ich nicht von ihm! Was haett' ich nicht
Noch gern ertragen!--Aber lange schon
Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,
Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;
Und niemand weiss, wo er geblieben ist.
Ihr staunt? Ihr sinnt?

Nathan. Ich ueberdenke mir,
Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl
Fuer Eindruck machen muss. Sich so verschmaeht
Von dem zu finden, den man hochzuschaetzen
Sich so gezwungen fuehlt; so weggestossen,
Und doch so angezogen werden;--Traun,
Da muessen Herz und Kopf sich lange zanken,
Ob Menschenhass, ob Schwermut siegen soll.
Oft siegt auch keines; und die Phantasie,
Die in den Streit sich mengt, macht Schwaermer,
Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald
Das Herz den Kopf muss spielen.--Schlimmer Tausch!--
Das letztere, verkenn ich Recha nicht,
Ist Rechas Fall: sie schwaermt.

Daja. Allein so fromm,
So liebenswuerdig!

Nathan. Ist doch auch geschwaermt!

Daja.
Vornehmlich eine--Grille, wenn Ihr wollt,
Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr
Kein irdischer und keines irdischen;
Der Engel einer, deren Schutze sich
Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern
Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,
In die er sonst verhuellt, auch noch im Feuer,
Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr
Hervorgetreten.--Laechelt nicht!--Wer weiss?
Lasst laechelnd wenigstens ihr einen Wahn,
In dem sich Jud' und Christ und Muselmann
Vereinigen;--so einen suessen Wahn!

Nathan.
Auch mir so suess!--Geh, wackre Daja, geh;
Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann.--
Sodann such ich den wilden, launigen
Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,
Hienieden unter uns zu wallen; noch
Beliebt, so ungesittet Ritterschaft
Zu treiben: find ich ihn gewiss; und bring Ihn her.

Daja.
Ihr unternehmet viel.

Nathan. Macht dann
Der suesse Wahn der suessern Wahrheit Platz:--
Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist
Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel--
So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zuernen,
Die Engelschwaermerin geheilt zu sehn?

Daja.
Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!
Ich geh!--Doch hoert! doch seht!--Da kommt sie selbst.



Zweiter Auftritt

Recha und die Vorigen.


Recha.
So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
Ich glaubt', Ihr haettet Eure Stimme nur
Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was fuer Berge,
Fuer Wuesten, was fuer Stroeme trennen uns
Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,
Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
Die arme Recha, die indes verbrannte!
Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!
Es ist ein garstiger Tod, verbrennen. Oh!

Nathan.
Mein Kind! mein liebes Kind!

Recha. Ihr musstet ueber
Den Euphrat, Tigris, Jordan; ueber--wer
Weiss was fuer Wasser all?--Wie oft hab ich
Um Euch gezittert, eh' das Feuer mir
So nahe kam! Denn seit das Feuer mir
So nahe kam: duenkt mich im Wasser sterben
Erquickung, Labsal, Rettung,--Doch Ihr seid
Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht
Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,
Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen
Auf Fluegeln seiner unsichtbaren Engel
Die ungetreuen Stroem' hinueber. Er,
Er winkte meinem Engel, dass er sichtbar
Auf seinem weissen Fittiche, mich durch
Das Feuer truege--

Nathan. (Weissem Fittiche!
Ja, ja! der weisse vorgespreizte Mantel
Des Tempelherrn.)

Recha. Er sichtbar, sichtbar mich
Durchs Feuer trueg', von seinem Fittiche
Verweht.--Ich also, ich hab einen Engel
Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
Und meinen Engel.

Nathan. Recha waer' es wert;
Und wuerd' an ihm nichts Schoenres sehn, als er
An ihr.

Recha (laechelnd).
Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem?
Dem Engel, oder Euch?

Nathan. Doch haett' auch nur
Ein Mensch--ein Mensch, wie die Natur sie taeglich
Gewaehrt, dir diesen Dienst erzeigt: er muesste
Fuer dich ein Engel sein. Er muesst' und wuerde.

Recha.
Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
Es war gewiss ein wirklicher!--Habt Ihr,
Ihr selbst die Moeglichkeit, dass Engel sind,
Dass Gott zum Besten derer, die ihn lieben,
Auch Wunder koenne tun, mich nicht gelehrt?
Ich lieb ihn ja.

Nathan. Und er liebt dich; und tut
Fuer dich, und deinesgleichen, stuendlich Wunder;
Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit
Fuer euch getan.

Recha. Das hoer ich gern.

Nathan. Wie? weil
Es ganz natuerlich, ganz alltaeglich klaenge,
Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
Gerettet haette: sollt' es darum weniger
Ein Wunder sein?--Der Wunder hoechstes ist,
Dass uns die wahren, echten Wunder so
Alltaeglich werden koennen, werden sollen.
Ohn' dieses allgemeine Wunder, haette
Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je
Genannt, was Kindern bloss so heissen musste,
Die gaffend nur das Ungewoehnlichste,
Das Neuste nur verfolgen.

Daja (zu Nathan). Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon ueberspanntes Hirn
Durch solcherlei Subtilitaeten ganz
Zersprengen?

Nathan. Lass mich!--Meiner Recha waer'
Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch
Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
Erst retten muessen? Ja, kein kleines Wunder!
Denn wer hat schon gehoert, dass Saladin
Je eines Tempelherrn verschont? dass je
Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
Verlangt? gehofft? ihm je fuer seine Freiheit
Mehr als den ledern Gurt geboten, der
Sein Eisen schleppt; und hoechstens seinen Dolch?

Recha.
Das schliesst fuer mich, mein Vater.--Darum eben
War das kein Tempelherr; er schien es nur.--
Koemmt kein gefangner Tempelherr je anders
Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;
Geht keiner in Jerusalem so frei
Umher: wie haette mich des Nachts freiwillig
Denn einer retten koennen?

Nathan. Sieh! wie sinnreich.
Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja
Von dir, dass er gefangen hergeschickt
Ist worden. Ohne Zweifel weisst du mehr.

Daja.
Nun ja.--So sagt man freilich;--doch man sagt
Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn
Begnadigt, weil er seiner Brueder einem,
Den er besonders lieb gehabt, so aehnlich sehe.
Doch da es viele zwanzig Jahre her,
Dass dieser Bruder nicht mehr lebt,--er hiess,
Ich weiss nicht wie;--er blieb, ich weiss nicht wo:--
So klingt das ja so gar--so gar unglaublich,
Dass an der ganzen Sache wohl nichts ist.

Nathan.
Ei, Daja! Warum waere denn das so
Unglaublich? Doch wohl nicht--wie's wohl geschieht--
Um lieber etwas noch Unglaublichers
Zu glauben?--Warum haette Saladin,
Der sein Geschwister insgesamt so liebt,
In juengern Jahren einen Bruder nicht
Noch ganz besonders lieben koennen?--Pflegen
Sich zwei Gesichter nicht zu aehneln?--Ist
Ein alter Eindruck ein verlorner?--Wirkt
Das Naemliche nicht mehr das Naemliche?
Seit wenn?--Wo steckt hier das Unglaubliche?
Ei freilich, weise Daja, waer's fuer dich
Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur
Beduerf... verdienen, will ich sagen, Glauben.

Daja.
Ihr spottet.

Nathan. Weil du meiner spottest.--Doch
Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung
Ein Wunder, dem nur moeglich, der die strengsten
Entschluesse, die unbaendigsten Entwuerfe
Der Koenige, sein Spiel--wenn nicht sein Spott--
Gern an den schwaechsten Faeden lenkt.

Recha. Mein Vater!
Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wisst, ich irre
Nicht gern.

Nathan. Vielmehr, du laesst dich gern belehren.
Sieh! eine Stirn, so oder so gewoelbt;
Der Ruecken einer Nase, so vielmehr
Als so gefuehret; Augenbraunen, die
Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen
So oder so sich schlaengeln; eine Linie,
Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal,
Ein Nichts, auf eines wilden Europaeers
Gesicht:--und du entkommst dem Feu'r, in Asien!
Das waer' kein Wunder, wundersuecht'ges Volk?
Warum bemueht ihr denn noch einen Engel?

Daja.
Was schadet's--Nathan, wenn ich sprechen darf--
Bei alledem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fuehlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel naeher?

Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf
Von Eisen will mit einer silbern Zange
Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst
Ein Topf von Silber sich zu duenken.--Pah!--
Und was es schadet, fragst du? was es schadet?
Was hilft es? duerft' ich nur hinwieder fragen.--
Denn dein "Sich Gott um so viel naeher fuehlen"
Ist Unsinn oder Gotteslaesterung.--
Allein es schadet; ja, es schadet allerdings.--
Kommt! hoert mir zu.--Nicht wahr? dem Wesen, das
Dich rettete,--es sei ein Engel oder
Ein Mensch,--dem moechtet ihr, und du besonders,
Gern wieder viele grosse Dienste tun?--
Nicht wahr?--Nun, einem Engel, was fuer Dienste,
Fuer grosse Dienste koennt ihr dem wohl tun?
Ihr koennt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
Koennt in Entzueckung ueber ihn zerschmelzen;
Koennt an dem Tage seiner Feier fasten,
Almosen spenden.--Alles nichts.--Denn mich
Deucht immer, dass ihr selbst und euer Naechster
Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
Durch eu'r Entzuecken; wird nicht maechtiger
Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!

Daja.
Ei freilich haett' ein Mensch, etwas fuer ihn
Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.
Und Gott weiss, wie bereit wir dazu waren!
Allein er wollte ja, bedurfte ja
So voellig nichts; war in sich, mit sich so
Vergnuegsam, als nur Engel sind, nur Engel
Sein koennen.

Recha. Endlich, als er gar verschwand...

Nathan.
Verschwand?--Wie denn verschwand?--Sich untern Palmen
Nicht ferner sehen liess?--Wie? oder habt
Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?

Daja.
Das nun wohl nicht.

Nathan. Nicht, Daja? nicht?--Da sieh
Nun was es schad't!--Grausame Schwaermerinnen!
Wenn dieser Engel nun--nun krank geworden!...

Recha.
Krank!

Daja. Krank! Er wird doch nicht!

Recha. Welch kalter Schauer
Befaellt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst
So warm, fuehl! ist auf einmal Eis.

Nathan. Er ist
Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt;
Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
Des Hungerns, Wachens ungewohnt.

Recha. Krank! krank!

Daja.
Das waere moeglich, meint ja Nathan nur.

Nathan.
Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld
Sich Freunde zu besolden.

Recha. Ah, mein Vater!

Nathan.
Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach',
Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!

Recha.
Wo? wo?

Nathan. Er, der fuer eine, die er nie
Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch
Ins Feu'r sich stuerzte...

Daja. Nathan, schonet ihrer!

Nathan.
Der, was er rettete, nicht naeher kennen,
Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank
Zu sparen...

Daja. Schonet ihrer, Nathan!

Nathan. Weiter
Auch nicht zu sehn verlangt',--es waere denn,
Dass er zum zweitenmal es retten sollte--
Denn g'nug, es ist ein Mensch...

Daja. Hoert auf, und seht!

Nathan.
Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts
Als das Bewusstsein dieser Tat!

Daja. Hoert auf!
Ihr toetet sie!

Nathan. Und du hast ihn getoetet!--
Haettst so ihn toeten koennen.--Recha! Recha!
Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.
Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank:
Nicht einmal krank!

Recha. Gewiss?--nicht tot? nicht krank?

Nathan.
Gewiss, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber,
Wieviel andaechtig schwaermen leichter, als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andaechtig schwaermt, um nur,--ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst--
Um nur gut handeln nicht zu duerfen?

Recha. Ah,
Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha doch
Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann
Auch wohl verreist nur sein?--

Nathan. Geht!--Allerdings.--
Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick
Ein Muselmann mir die beladenen
Kamele. Kennt Ihr ihn?

Daja. Ha! Euer Derwisch.

Nathan.
Wer?

Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgesell!

Nathan.
Al-Hafi? das Al-Hafi?

Daja. Itzt des Sultans
Schatzmeister.

Nathan. Wie? Al-Hafi? Traeumst du wieder?
Er ist's!--wahrhaftig, ist's!--koemmt auf uns zu.
Hinein mit Euch, geschwind!--Was werd ich hoeren!



Dritter Auftritt

Nathan und der Derwisch.


Derwisch.
Reisst nur die Augen auf, so weit Ihr koennt!

Nathan.
Bist du's? Bist du es nicht?--In dieser Pracht,
Ein Derwisch!...

Derwisch. Nun? warum denn nicht? Laesst sich
Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?

Nathan.
Ei wohl, genug!--Ich dachte mir nur immer,
Der Derwisch--so der rechte Derwisch--woll'
Aus sich nichts machen lassen.

Derwisch. Beim Propheten
Dass ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.
Zwar wenn man muss--

Nathan. Muss! Derwisch!--Derwisch muss?
Kein Mensch muss muessen, und ein Derwisch muesste?
Was muesst' er denn?

Derwisch. Warum man ihn recht bittet,
Und er fuer gut erkennt: das muss ein Derwisch.

Nathan.
Bei unserm Gott! da sagst du wahr.--Lass dich
Umarmen, Mensch.--Du bist doch noch mein Freund?

Derwisch.
Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?

Nathan.
Trotzdem, was du geworden!

Derwisch. Koennt' ich nicht
Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft
Euch ungelegen waere?

Nathan. Wenn dein Herz
Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl
Im Staat, ist nur dein Kleid.

Derwisch. Das auch geehrt
Will sein.--Was meint Ihr? ratet!--Was waer' ich
An Eurem Hofe?

Nathan. Derwisch; weiter nichts.
Doch nebenher, wahrscheinlich--Koch.

Derwisch. Nun ja!
Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.--Koch!
Nicht Kellner auch?--Gesteht, dass Saladin
Mich besser kennt.--Schatzmeister bin ich bei--
Ihm worden.

Nathan. Du?--bei ihm?

Derwisch. Versteht:
Des kleinern Schatzes,--denn des groessern wartet
Sein Vater noch--des Schatzes fuer sein Haus.

Nathan.
Sein Haus ist gross.

Derwisch. Und groesser, als Ihr glaubt;
Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.

Nathan.
Doch ist den Bettlern Saladin so feind--

Derwisch.
Dass er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen
Sich vorgesetzt,--und sollt' er selbst darueber
Zum Bettler werden.

Nathan. Brav!--So mein ich's eben.

Derwisch.
Er ist's auch schon, trotz einem!--Denn sein Schatz
Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang
Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch
Sie morgens eintritt, ist des Mittags laengst
Verlaufen--

Nathan. Weil Kanaele sie zum Teil
Verschlingen, die zu fuellen oder zu
Verstopfen, gleich unmoeglich ist.

Derwisch. Getroffen!

Nathan.
Ich kenne das!

Derwisch. Es taugt nun freilich nichts,
Wenn Fuersten Geier unter Aesern sind.
Doch sind sie Aeser unter Geiern, taugt's
Noch zehnmal weniger.

Nathan. O nicht doch, Derwisch!
Nicht doch!

Derwisch. Ihr habt gut reden, Ihr!--Kommt an:
Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'
Euch ab.

Nathan. Was bringt dir deine Stelle?

Derwisch. Mir?
Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern.
--Denn ist es Ebb' im Schatz,--wie oefters ist,
So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schiesst vor,
Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefaellt.

Nathan.
Auch Zins vom Zins der Zinsen?

Derwisch. Freilich!

Nathan. Bis
Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.

Derwisch.
Das lockt Euch nicht?--So schreibet unsrer Freundschaft
Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab
Ich sehr auf Euch gerechnet.

Nathan. Wahrlich? Wie
Denn so? wieso denn?

Derwisch. Dass Ihr mir mein Amt
Mit Ehren wuerdet fuehren helfen; dass
Ich allzeit offne Kasse bei Euch haette.--
Ihr schuettelt?

Nathan. Nun, verstehn wir uns nur recht!
Hier gibt's zu unterscheiden.--Du? warum
Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,
Was ich vermag, mir stets willkommen.--Aber
Al-Hafi Defterdar des Saladin,
Der--dem--

Derwisch. Erriet ich's nicht? Dass Ihr doch immer
So gut als klug, so klug als weise seid!--
Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,
Soll bald geschieden wieder sein.--Seht da
Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.
Eh' es verschossen ist, eh' es zu Lumpen
Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,
Haengt's in Jerusalem am Nagel, und
Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuss
Den heissen Sand mit meinen Lehrern trete.

Nathan.
Dir aehnlich g'nug!

Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele.

Nathan.
Dein hoechstes Gut!

Derwisch. Denkt nur, was mich verfuehrte!--
Damit ich selbst nicht laenger betteln duerfte?
Den reichen Mann mit Bettlern spielen koennte?
Vermoegend waer' im Hui den reichsten Bettler
In einen armen Reichen zu verwandeln?

Nathan.
Das nun wohl nicht.

Derwisch. Weit etwas Abgeschmackters!
Ich fuehlte mich zum erstenmal geschmeichelt;
Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt--

Nathan.
Der war?

Derwisch. "Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern
Zumute sei; ein Bettler habe nur
Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.
Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,
Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab;
Erkundigte so ungestuem sich erst
Nach dem Empfaenger; nie zufrieden, dass
Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch
Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe
Nach dieser Ursach' filzig abzuwaegen.
Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild
Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!
Al-Hafi gleicht verstopften Roehren nicht,
Die ihre klar und still empfangnen Wasser
So unrein und so sprudelnd wiedergeben.
Al-Hafi denkt; Al-Hafi fuehlt wie ich!"--
So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis
Der Gimpel in dem Netze war.--Ich Geck!
Ich eines Gecken Geck!

Nathan. Gemach, mein Derwisch,
Gemach!

Derwisch. Ei was!--Es waer' nicht Geckerei,
Bei Hunderttausenden die Menschen druecken,
Ausmergeln, pluendern, martern, wuergen; und
Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen?
Es waer' nicht Geckerei, des Hoechsten Milde,
Die sonder Auswahl ueber Boes' und Gute
Und Flur und Wuestenei, in Sonnenschein
Und Regen sich verbreitet,--nachzuaeffen,
Und nicht des Hoechsten immer volle Hand
Zu haben? Was? es waer' nicht Geckerei...

Nathan.
Genug! hoer auf!

Derwisch. Lasst meiner Geckerei
Mich doch nur auch erwaehnen!--Was? es waere
Nicht Geckerei, an solchen Geckereien
Die gute Seite dennoch auszuspueren,
Um Anteil, dieser guten Seite wegen,
An dieser Geckerei zu nehmen? He?
Das nicht?

Nathan. Al-Hafi, mache, dass du bald
In deine Wueste wieder koemmst. Ich fuerchte,
Grad unter Menschen moechtest du ein Mensch
Zu sein verlernen.

Derwisch. Recht, das fuercht ich auch.
Lebt wohl!

Nathan. So hastig?--Warte doch, Al-Hafi.
Entlaeuft dir denn die Wueste?--Warte doch!--
Dass er mich hoerte!--He, Al-Hafi! hier!--
Weg ist er; und ich haett' ihn noch so gern
Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,
Dass er ihn kennt.



Vierter Auftritt

Daja eilig herbei. Nathan.


Daja. O Nathan, Nathan!

Nathan. Nun?
Was gibt's?

Daja. Er laesst sich wieder sehn! Er laesst
Sich wieder sehn!

Nathan. Wer, Daja? wer?

Daja. Er! Er!

Nathan.
Er? Er?--Wann laesst sich der nicht sehn!--Ja so,
Nur euer Er heisst er.--Das sollt' er nicht!
Und wenn er auch ein Engel waere, nicht!--

Daja.
Er wandelt untern Palmen wieder auf
Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln.

Nathan.
Sie essend?--und als Tempelherr?

Daja. Was quaelt
Ihr mich?--Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter
Den dicht verschraenkten Palmen schon; und folgt
Ihm unverrueckt. Sie laesst Euch bitten,--Euch
Beschwoeren,--ungesaeumt ihn anzugehn.
O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,
Ob er hinauf geht oder weiter ab
Sich schlaegt. O eilt!

Nathan. So wie ich vom Kamele
Gestiegen?--Schickt sich das?--Geh, eile du
Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft.
Gib acht, der Biedermann hat nur mein Haus
In meinem Absein nicht betreten wollen;
Und koemmt nicht ungern, wenn der Vater selbst
Ihn laden laesst. Geh, sag, ich lass ihn bitten,
Ihn herzlich bitten...

Daja. All umsonst! Er koemmt
Euch nicht.--Denn kurz; er koemmt zu keinem Juden.

Nathan.
So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten;
Ihn wenigstens mit deinen Augen zu
Begleiten.--Geh, ich komme gleich dir nach.

(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.)



Fuenfter Auftritt

Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und
nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von
der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle.


Tempelherr.
Der folgt mir nicht vor langer Weile!--Sieh,
Wie schielt er nach den Haenden!--Guter Bruder,...
Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht?

Klosterbruder.
Nur Bruder--Laienbruder nur; zu dienen.

Tempelherr.
Ja, guter Bruder, wer nur selbst was haette!
Bei Gott! bei Gott! Ich habe nichts--

Klosterbruder. Und doch
Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach,
Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille
Und nicht die Gabe macht den Geber.--Auch
Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar
Nicht nachgeschickt.

Tempelherr. Doch aber nachgeschickt?

Klosterbruder.
Ja; aus dem Kloster.

Tempelherr. Wo ich eben jetzt
Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?

Klosterbruder.
Die Tische waren schon besetzt; komm' aber
Der Herr nur wieder mit zurueck.

Tempelherr. Wozu?
Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen:
Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif.

Klosterbruder.
Nehm' sich der Herr in acht' mit dieser Frucht.
Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft
Die Milz; macht melancholisches Gebluet.

Tempelherr.
Wenn ich nun melancholisch gern mich fuehlte?--
Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr
Mir doch nicht nachgeschickt?

Klosterbruder. O nein!--Ich soll
Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn
Euch fuehlen.

Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst?

Klosterbruder.
Warum nicht?

Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!)--Hat
Das Kloster Euresgleichen mehr?

Klosterbruder. Weiss nicht.
Ich muss gehorchen, lieber Herr.

Tempelherr. Und da
Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu kluegeln?

Klosterbruder.
Waer's sonst gehorchen, lieber Herr?

Tempelherr. (Dass doch
Die Einfalt immer Recht behaelt!)--Ihr duerft
Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern
Genauer kennen moechte?--Dass Ihr's selbst
Nicht seid, will ich wohl schwoeren.

Klosterbruder. Ziemte mir's?
Und frommte mir's?

Tempelherr. Wem ziemt und frommt es denn,
Dass er so neubegierig ist? Wem denn?

Klosterbruder.
Dem Patriarchen; muss ich glauben.--Denn
Der sandte mich Euch nach.

Tempelherr. Der Patriarch?
Kennt der das rote Kreuz auf weissem Mantel
Nicht besser?

Klosterbruder. Kenn ja ich's!

Tempelherr. Nun, Bruder? nun?--
Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner.--
Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,
Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde
Wir gern erstiegen haetten, um sodann
Auf Sidon loszugehn;--setz ich hinzu:
Selbzwanzigster gefangen und allein
Vom Saladin begnadiget: so weiss
Der Patriarch, was er zu wissen braucht;
Mehr, als er braucht.

Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr,
Als er schon weiss.--Er wuesst' auch gern, warum
Der Herr vom Saladin begnadigt worden;
Er ganz allein.

Tempelherr. Weiss ich das selber?--Schon
Den Hals entbloesst, kniet' ich auf meinem Mantel,
Den Streich erwartend: als mich schaerfer Saladin
Ins Auge fasst, mir naeher springt, und winkt.
Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will
Ihm danken; seh sein Aug' in Traenen: stumm
Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe.--Wie
Nun das zusammenhaengt, entraetsle sich
Der Patriarche selbst.

Klosterbruder. Er schliesst daraus,
Dass Gott zu grossen, grossen Dingen Euch
Muess' aufbehalten haben.

Tempelherr. Ja, zu grossen!
Ein Judenmaedchen aus dem Feu'r zu retten;
Auf Sinai neugier'ge Pilger zu
Geleiten; und dergleichen mehr.

Klosterbruder. Wird schon
Noch kommen!--Ist inzwischen auch nicht uebel.--
Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits
Weit wicht'gere Geschaefte fuer den Herrn.

Tempelherr.
So? meint Ihr, Bruder?--Hat er gar Euch schon
Was merken lassen?

Klosterbruder. Ei, Jawohl!--Ich soll
Den Herrn nur erst ergruenden, ob er so
Der Mann wohl ist.

Tempelherr. Nun ja; ergruendet nur!
(Ich will doch sehn, wie der ergruendet!)--Nun?

Klosterbruder.
Das Kuerzste wird wohl sein, dass ich dem Herrn
Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch
Eroeffne.

Tempelherr. Wohl!

Klosterbruder. Er haette durch den Herrn
Ein Briefchen gern bestellt.

Tempelherr. Durch mich? Ich bin
Kein Bote.--Das, das waere das Geschaeft,
Das weit glorreicher sei, als Judenmaedchen
Dem Feu'r entreissen?

Klosterbruder. Muss doch wohl! Denn--sagt
Der Patriarch--an diesem Briefchen sei
Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.
Dies Briefchen wohl bestellt zu haben,--sagt
Der Patriarch,--werd einst im Himmel Gott
Mit einer ganz besondern Krone lohnen.
Und dieser Krone,--sagt der Patriarch,
Sei niemand wuerd'ger, als mein Herr.

Tempelherr. Als ich?

Klosterbruder.
Denn diese Krone zu verdienen,--sagt
Der Patriarch,--sei schwerlich jemand auch
Geschickter, als mein Herr.

Tempelherr. Als ich?

Klosterbruder. Er sei
Hier frei; koenn' ueberall sich hier besehn;
Versteh', wie eine Stadt zu stuermen und
Zu schirmen; koenne,--sagt der Patriarch,--
Die Staerk' und Schwaeche der von Saladin
Neu aufgefuehrten, innern, zweiten Mauer
Am besten schaetzen, sie am deutlichsten
Den Streitern Gottes,--sagt der Patriarch,--
Beschreiben.

Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch
Nun auch des Briefchens naehern Inhalt wuesste.

Klosterbruder.
Ja den,--den weiss ich nun wohl nicht so recht.
Das Briefchen aber ist an Koenig Philipp.--
Der Patriarch... Ich hab mich oft gewundert,
Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz
Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet
Von Dingen dieser Welt zu sein herab
Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.

Tempelherr.
Nun dann? der Patriarch?

Klosterbruder. Weiss ganz genau,
Ganz zuverlaessig, wie und wo, wie stark,
Von welcher Seite Saladin, im Fall
Es voellig wieder losgeht, seinen Feldzug
Eroeffnen wird.

Tempelherr. Das weiss er?

Klosterbruder. Ja, und moecht'
Es gern dem Koenig Philipp wissen lassen:
Damit der ungefaehr ermessen koenne,
Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um
Mit Saladin den Waffenstillestand,
Den Euer Orden schon so brav gebrochen,
Es koste was es wolle, wiederher-
Zustellen.

Tempelherr. Welch ein Patriarch!--Ja so!
Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem
Gemeinen Boten; will mich--zum Spion.
Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,
Soviel Ihr mich ergruenden koennen, waer'
Das meine Sache nicht.--Ich muesse mich
Noch als Gefangenen betrachten; und
Der Tempelherren einziger Beruf
Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht
Kundschafterei zu treiben.

Klosterbruder. Dacht' ich's doch!--
Will's auch dem Herrn nicht eben sehr veruebeln.--
Zwar koemmt das Beste noch.--Der Patriarch
Hiernaechst hat ausgegattert, wie die Feste
Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,
In der die ungeheuern Summen stecken,
Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater
Das Heer besoldet, und die Zuruestungen
Des Kriegs bestreitet. Saladin verfuegt
Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen
Nach dieser Feste sich, nur kaum begleitet.--
Ihr merkt doch?

Tempelherr. Nimmermehr!

Klosterbruder. Was waere da
Wohl leichter, als des Saladins sich zu
Bemaechtigen? den Garaus ihm zu machen?--
Ihr schaudert?--O es haben schon ein paar
Gottsfuercht'ge Maroniten sich erboten,
Wenn nur ein wackrer Mann sie fuehren wolle,
Das Stueck zu wagen.

Tempelherr. Und der Patriarch
Haett' auch zu diesem wackern Manne mich
Ersehn?

Klosterbruder. Er glaubt, dass Koenig Philipp wohl
Von Ptolemais aus die Hand hierzu
Am besten bieten koenne.

Tempelherr. Mir? mir, Bruder?
Mir? Habt Ihr nicht gehoert? nur erst gehoert,
Was fuer Verbindlichkeit dem Saladin
Ich habe?

Klosterbruder. Wohl hab ich's gehoert.

Tempelherr. Und doch?

Klosterbruder.
Ja,--meint der Patriarch,--das waer' schon gut:
Gott aber und der Orden...

Tempelherr. Aendern nichts!
Gebieten mir kein Bubenstueck!

Klosterbruder. Gewiss nicht!--
Nur,--meint der Patriarch,--sei Bubenstueck
Vor Menschen, nicht auch Bubenstueck vor Gott.

Tempelherr.
Ich waer' dem Saladin mein Leben schuldig:
Und raubt' ihm seines?

Klosterbruder. Pfui!--Doch bliebe,--meint
Der Patriarch,--noch immer Saladin
Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund
Zu sein, kein Recht erwerben koenne.

Tempelherr. Freund?
An dem ich bloss nicht will zum Schurken werden;
Zum undankbaren Schurken?

Klosterbruder. Allerdings!--
Zwar,--meint der Patriarch,--des Dankes sei
Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns
Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.
Und da verlauten wolle,--meint der Patriarch,--
Dass Euch nur darum Saladin begnadet,
Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen
So was von seinem Bruder eingeleuchtet...

Tempelherr.
Auch dieses weiss der Patriarch; und doch?--
Ah! waere das gewiss! Ah, Saladin!--
Wie? die Natur haett' auch nur einen Zug
Von mir in deines Bruders Form gebildet:
Und dem entspraeche nichts in meiner Seele?
Was dem entspraeche, koennt' ich unterdruecken,
Um einem Patriarchen zu gefallen?--
Natur, so leugst du nicht! So widerspricht
Sich Gott in seinen Werken nicht!--Geht, Bruder!
Erregt mir meine Galle nicht!--Geht! geht!

Klosterbruder.
Ich geh; und geh vergnuegter, als ich kam.
Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute
Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.



Sechster Auftritt

Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von
weiten beobachtet hatte und sich nun ihm naehert.


Daja.
Der Klosterbruder, wie mich duenkt, liess in
Der besten Laun' ihn nicht.--Doch muss ich mein
Paket nur wagen.

Tempelherr. Nun, vortrefflich!--Luegt
Das Sprichwort wohl: dass Moench und Weib, und Weib
Und Moench des Teufels beide Krallen sind?
Er wirft mich heut aus einer in die andre.

Daja.
Was seh ich?--Edler Ritter, Euch?--Gott Dank!
Gott tausend Dank!--Wo habt Ihr denn
Die ganze Zeit gesteckt?--Ihr seid doch wohl
Nicht krank gewesen?

Tempelherr. Nein.

Daja. Gesund doch?

Tempelherr. Ja.

Daja.
Wir waren Euertwegen wahrlich ganz
Bekuemmert.

Tempelherr. So?

Daja. Ihr wart gewiss verreist?

Tempelherr.
Erraten!

Daja. Und kamt heut erst wieder?

Tempelherr. Gestern.

Daja.
Auch Rechas Vater ist heut angekommen.
Und nun darf Recha doch wohl hoffen?

Tempelherr. Was?

Daja.
Warum sie Euch so oefters bitten lassen.
Ihr Vater ladet Euch nun selber bald
Aufs dringlichste. Er koemmt von Babylon.
Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,
Und allem, was an edeln Spezereien,
An Steinen und an Stoffen, Indien
Und Persien und Syrien, gar Sina,
Kostbares nur gewaehren.

Tempelherr. Kaufe nichts.

Daja.
Sein Volk verehret ihn als einen Fuersten.
Doch dass es ihn den Weisen Nathan nennt
Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft
Gewundert.

Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise
Vielleicht das Naemliche.

Daja. Vor allen aber
Haett's ihn den Guten nennen muessen. Denn
Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.
Als er erfuhr, wieviel Euch Recha schuldig:
Was haett', in diesem Augenblicke, nicht
Er alles Euch getan, gegeben!

Tempelherr. Ei!

Daja.
Versucht's und kommt und seht!

Tempelherr. Was denn? wie schnell
Ein Augenblick vorueber ist?

Daja. Haett' ich,
Wenn er so gut nicht waer', es mir so lange
Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa,
Ich fuehle meinen Wert als Christin nicht?
Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen,
Dass ich nur darum meinem Ehgemahl
Nach Palaestina folgen wuerd', um da
Ein Judenmaedchen zu erziehn. Es war
Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht
In Kaiser Friedrichs Heere--

Tempelherr. Von Geburt
Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward,
Mit Seiner Kaiserlichen Majestaet
In einem Flusse zu ersaufen.--Weib!
Wievielmal habt Ihr mir das schon erzaehlt?
Hoert Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen?

Daja.
Verfolgen! lieber Gott!

Tempelherr. Ja, ja, verfolgen.
Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!
Nicht hoeren! Will von Euch an eine Tat
Nicht fort und fort erinnert sein, bei der
Ich nichts gedacht; die, wenn ich drueber denke,
Zum Raetsel von mir selbst mir wird. Zwar moecht'
Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht;
Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr
Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn
Ich mich vorher erkund--und brennen lasse,
Was brennt.

Daja. Bewahre Gott!

Tempelherr. Von heut an tut
Mir den Gefallen wenigstens, und kennt
Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lasst
Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude.
Ich bin ein plumper Schwab. Des Maedchens Bild
Ist laengst aus meiner Seele; wenn es je
Da war.

Daja. Doch Eures ist aus ihrer nicht.

Tempelherr.
Was soll's nun aber da? was soll's?

Daja. Wer weiss!
Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.

Tempelherr.
Doch selten etwas Bessers. (Er geht.)

Daja. Wartet doch!
Was eilt Ihr?

Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht
Verhasst, worunter ich so gern sonst wandle.

Daja.
So geh, du deutscher Baer! so geh!--Und doch
Muss ich die Spur des Tieres nicht verlieren.

(Sie geht ihm von weiten nach.)





Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

(Die Szene: des Sultans Palast.)

Saladin und Sittah spielen Schach.


Sittah.
Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?

Saladin.
Nicht gut? Ich daechte doch.

Sittah. Fuer mich; und kaum.
Nimm diesen Zug zurueck.

Saladin. Warum?

Sittah. Der Springer
Wird unbedeckt.

Saladin. Ist wahr. Nun so!

Sittah. So zieh
Ich in die Gabel.

Saladin. Wieder wahr.--Schach dann!

Sittah.
Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
Bist, wie du warst.

Saladin. Aus dieser Klemme seh
Ich wohl, ist ohne Busse nicht zu kommen.
Mag's! nimm den Springer nur.

Sittah. Ich will ihn nicht.
Ich geh vorbei.

Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
An diesem Plane mehr, als an dem Springer.

Sittah.
Kann sein.

Saladin. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht
Vermuten?

Sittah. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch
Vermuten, dass du deiner Koenigin
So muede waerst?

Saladin. Ich meiner Koenigin?

Sittah.
Ich seh nun schon.--ich soll heut meine tausend
Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen.

Saladin.
Wieso?

Sittah. Frag noch!--Weil du mit Fleiss, mit aller
Gewalt verlieren willst.--Doch dabei find
Ich meine Rechnung nicht. Denn ausser, dass
Ein solches Spiel das unterhaltendste
Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
Mit dir' wenn ich verlor? Wenn hast du mir
Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen
Zu troesten, doppelt nicht hernach geschenkt?

Saladin.
Ei sieh! so haettest du ja wohl, wenn du
Verlorst, mit Fleiss verloren, Schwesterchen?

Sittah.
Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine
Freigebigkeit, mein liebes Bruederchen,
Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.

Saladin.
Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!

Sittah.
So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!

Saladin.
Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht
Gesehn, das meine Koenigin zugleich
Mit niederwirft.

Sittah. War dem noch abzuhelfen?
Lass sehn.

Saladin. Nein, nein; nimm nur die Koenigin.
Ich war mit diesem Steine nie recht gluecklich.

Sittah.
Bloss mit dem Steine?

Saladin. Fort damit!--Das tut
Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
Geschuetzt.

Sittah. Wie hoeflich man mit Koeniginnen
Verfahren muesse: hat mein Bruder mich
Zu wohl gelehrt. (Sie laesst sie stehen.)

Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht!
Ich habe keine mehr.

Sittah. Wozu sie nehmen?
Schach!--Schach!

Saladin. Nur weiter.

Sittah. Schach!--und Schach!--und Schach!--

Saladin.
Und matt!

Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
Dazwischen; oder was du machen willst.
Gleichviel!

Saladin. Ganz recht!--Du hast gewonnen: und
Al-Hafi zahlt.--Man lass' ihn rufen! gleich!
Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich
War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine
Bestaendig? die an nichts erinnern, nichts
Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn
Gespielt?--Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
Die umgeformten Steine, Sittah, sind's,
Die mich verlieren machten: deine Kunst,
Dein ruhiger und schneller Blick...

Sittah. Auch so
Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.

Saladin.
Als du? Was haette dich zerstreuet?

Sittah. Deine
Zerstreuung freilich nicht!--O Saladin,
Wenn werden wir so fleissig wieder spielen.

Saladin.
So spielen wir um so viel gieriger!--
Ah! weil es wieder losgeht, meinst du?--Mag's!--
Nur zu!--Ich habe nicht zuerst gezogen;
Ich haette gern den Stillestand aufs neue
Verlaengert; haette meiner Sittah gern,
Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
Und das muss Richards Bruder sein: er ist
Ja Richards Bruder.

Sittah. Wenn du deinen Richard
Nur loben kannst!

Saladin. Wenn unserm Bruder Melek
Dann Richards Schwester waer' zu Teile worden:
Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
Der besten Haeuser in der Welt das beste!
Du hoerst, ich bin mich selbst zu loben, auch
Nicht faul. Ich duenk mich meiner Freunde wert.
Das haette Menschen geben sollen! das!

Sittah.
Hab ich des schoenen Traums nicht gleich gelacht?
Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
Mit Menschlichkeit den Aberglauben wuerzt,
Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan.--
Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch
Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend
Auf Treu und Glaube nehmen koennen!--Doch
Was Tugend?--Seine Tugend nicht; sein Name
Soll ueberall verbreitet werden; soll
Die Namen aller guten Menschen schaenden,
Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
Ist ihnen nur zu tun.

Saladin. Du meinst: warum
Sie sonst verlangen wuerden, dass auch ihr,
Auch du und Melek, Christen hiesset, eh'
Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

Sittah.
Jawohl! Als waer' von Christen nur, als Christen,
Die Liebe zu gewaertigen, womit
Der Schoepfer Mann und Maennin ausgestattet!

Saladin.
Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
Als dass sie die nicht auch noch glauben koennten!
Und gleichwohl irrst du dich.--Die Tempelherren,
Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
Als Tempelherren schuld. Durch die allein
Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,
Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
Zum Brautschatz bringen muesste, schlechterdings
Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil
Gefahr nicht laufe, spielen sie den Moench,
Den albern Moench. Und ob vielleicht im Fluge
Ein guter Streich gelaenge: haben sie
Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
Erwarten koennen.--Lustig! Nur so weiter!
Ihr Herren, nur so weiter!--Mir schon recht!--
Waer' alles sonst nur, wie es muesste.

Sittah. Nun?
Was irrte dich denn sonst? Was koennte sonst
Dich aus der Fassung bringen?

Saladin. Was von je
Mich immer aus der Fassung hat gebracht.--
Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
Er unterliegt den Sorgen noch...

Sittah. O weh!

Saladin.
Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;
Es fehlt bald da, bald dort--

Sittah. Was klemmt? was fehlt?

Saladin.
Was sonst, als was ich kaum zu nennen wuerd'ge?
Was, wenn ich's habe, mir so ueberfluessig,
Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint.--
Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
Ihm aus?--Das leidige, verwuenschte Geld!--
Gut, Hafi, dass du koemmst.



Zweiter Auftritt

Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.


Al-Hafi. Die Gelder aus
Aegypten sind vermutlich angelangt.
Wenn's nur fein viel ist.

Saladin. Hast du Nachricht?

Al-Hafi. Ich?
Ich nicht. Ich denke, dass ich hier sie in
Empfang soll nehmen.

Saladin. Zahl an Sittah tausend
Dinare! (In Gedanken hin und her gebend.)

Al-Hafi. Zahl! anstatt empfang! O schoen!
Das ist fuer Was noch weniger als Nichts.--
An Sittah?--wiederum an Sittah? Und
Verloren?--wiederum im Schach verloren?--
Da steht es noch das Spiel!

Sittah. Du goennst mir doch
Mein Glueck?

Al-Hafi (das Spiel betrachtend).
Was goennen? Wenn--Ihr wisst ja wohl.

Sittah (ihm winkend).
Bst! Hafi! bst!

Al-Hafi (noch auf das Spiel gerichtet).
Goennt's Euch nur selber erst!

Sittah.
Al-Hafi; bst!

Al-Hafi (zu Sittah). Die Weissen waren Euer?
Ihr bietet Schach?

Sittah. Gut, dass er nichts gehoert.

Al-Hafi.
Nun ist der Zug an ihm?

Sittah (ihm naehertretend). So sage doch,
Dass ich mein Geld bekommen kann.

Al-Hafi (noch auf das Spiel geheftet).
Nun ja;
Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen.

Sittah.
Wie? bist du toll?

Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus.
Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.

Saladin (kaum hinhoerend).
Doch! doch! Bezahl! bezahl!

Al-Hafi. Bezahl! bezahl!
Da steht ja Eure Koenigin.

Saladin (noch so). Gilt nicht;
Gehoert nicht mehr ins Spiel.

Sittah. So mach und sag,
Dass ich das Geld mir nur kann holen lassen.

Al-Hafi (noch immer in das Spiel vertieft).
Versteht sich, so wie immer.--Wenn auch schon;
Wenn auch die Koenigin nichts gilt: Ihr seid
Doch darum noch nicht matt.

Saladin (tritt hinzu und wirft das Spiel um).
Ich bin es; will
Es sein.

Al-Hafi. Ja so!--Spiel wie Gewinst! So wie
Gewonnen, so bezahlt.

Saladin (zu Sittah). Was sagt er? was?

Sittah (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend).
Du kennst ihn ja. Er straeubt sich gern; laesst gern
Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.--

Saladin.
Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht?
Was hoer ich, Hafi? Neidisch? du?

Al-Hafi. Kann sein!
Kann sein!--Ich haett' ihr Hirn wohl lieber selbst;
Waer' lieber selbst so gut, als sie.

Sittah. Indes
Hat er doch immer richtig noch bezahlt.
Und wird auch heut bezahlen. Lass ihn nur!--
Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld
Schon holen lassen.

Al-Hafi. Nein; ich spiele laenger
Die Mummerei nicht mit. Er muss es doch
Einmal erfahren.

Saladin. Wer? und was?

Sittah. Al-Hafi!
Ist dieses dein Versprechen? Haeltst du so
Mir Wort?

Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, dass es so
Weit gehen wuerde.

Saladin. Nun? erfahr ich nichts?

Sittah.
Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden.

Saladin.
Das ist doch sonderbar! Was koennte Sittah
So feierlich, so warm bei einem Fremden,
Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,
Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen.
Al-Hafi, nun befehl ich.--Rede, Derwisch!

Sittah.
Lass eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir
Nicht naeher treten, als sie wuerdig ist.
Du weisst, ich habe zu verschiednen Malen
Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.
Und weil ich itzt das Geld nicht noetig habe;
Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld
Nicht eben allzuhaeufig ist: so sind
Die Posten stehngeblieben. Aber sorgt
Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,
Noch Hafi, noch der Kasse schenken.

Al-Hafi. Ja,
Wenn's das nur waere! das!

Sittah. Und mehr dergleichen.--
Auch das ist in der Kasse stehngeblieben,
Was du mir einmal ausgeworfen; ist
Seit wenig Monden stehngeblieben.

Al-Hafi. Noch
Nicht alles.

Saladin. Noch nicht?--Wirst du reden?

Al-Hafi.
Seit aus Aegypten wir das GeId erwarten,
Hat sie...

Sittah (zu Saladin). Wozu ihn hoeren?

Al-Hafi. Nicht nur nichts
Bekommen...

Saladin. Gutes Maedchen!--Auch beiher
Mit vorgeschossen. Nicht?

Al-Hafi. Den ganzen Hof
Erhalten; Euern Aufwand ganz allein
Bestritten.

Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester!
(Sie umarmend.)

Sittah.
Wer hatte, dies zu koennen, mich so reich
Gemacht, als du, mein Bruder?

Al-Hafi. Wird schon auch
So bettelarm sie wieder machen, als
Er selber ist.

Saladin. Ich arm? der Bruder arm?
Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt?--
Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,--und Einen Gott!
Was brauch ich mehr? Wenn kann's an dem mir fehlen?
Und doch, Al-Hafi, koennt' ich mit dir schelten.

Sittah.
Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater
Auch seine Sorgen so erleichtern koennte!

Saladin.
Ah! Ah! Nun schlaegst du meine Freudigkeit
Auf einmal wieder nieder!--Mir, fuer mich
Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,
Ihm fehlet; und in ihm uns allen.--Sagt,
Was soll ich machen?--Aus Aegypten kommt
Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,
Weiss Gott. Es ist doch da noch alles ruhig.--
Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
Mir gern gefallen lassen; wenn es mich,
Bloss mich betrifft; bloss mich, und niemand sonst
Darunter leidet.--Doch was kann das machen?
Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muss ich doch haben.
Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.
Ihm gnuegt schon so mit wenigem genug;
Mit meinem Herzen.--Auf den Ueberschuss
Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr
Gerechnet.

Al-Hafi. Ueberschuss?--Sagt selber, ob
Ihr mich nicht haettet spiessen, wenigstens
Mich drosseln lassen, wenn auf Ueberschuss
Ich von Euch waer' ergriffen worden. Ja,
Auf Unterschleif! das war zu wagen.

Saladin. Nun,
Was machen wir denn aber?--Konntest du
Vorerst bei niemand andern borgen, als
Bei Sittah?

Sittah. Wuerd' ich dieses Vorrecht, Bruder,
Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?
Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf
Dem Trocknen voellig nicht.

Saladin. Nur voellig nicht!
Das fehlte noch!--Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!
Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst!
Geh, borg, versprich.--Nur, Hafi, borge nicht
Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen
Von diesen, moechte wiederfordern heissen.
Geh zu den Geizigsten; die werden mir
Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,
Wie gut ihr Geld in meinen Haenden wuchert.

Al-Hafi.
Ich kenne deren keine.

Sittah. Eben faellt
Mir ein, gehoert zu haben, Hafi, dass
Dein Freund zurueckgekommen.

Al-Hafi (betroffen). Freund? mein Freund?
Wer waer' denn das?

Sittah. Dein hochgepriesner Jude.

Al-Hafi.
Gepriesner Jude? hoch von mir?

Sittah. Dem Gott,--
Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst
Du selber dich von ihm bedientest,--dem
Sein Gott von allen Guetern dieser Welt
Das Kleinst' und Groesste so in vollem Mass
Erteilet habe.--

Al-Hafi. Sagt' ich so?--Was meint'
Ich denn damit?

Sittah. Das Kleinste: Reichtum. Und
Das Groesste: Weisheit.

Al-Hafi. Wie? von einem Juden?
Von einem Juden haett' ich das gesagt?

Sittah.
Das haettest du von deinem Nathan nicht
Gesagt?

Al-Hafi. Ja so! von dem! vom Nathan!--Fiel
Mir der doch gar nicht bei.--Wahrhaftig? Der
Ist endlich wieder heimgekommen? Ei!
So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn.--
Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen!
Den Reichen auch.

Sittah. Den Reichen nennt es ihn
Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,
Was fuer Kostbarkeiten, was fuer Schaetze
Er mitgebracht.

Al-Hafi. Nun, ist's der Reiche wieder:
So wird's auch wohl der Weise wieder sein.

Sittah.
Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?

Al-Hafi.
Und was bei ihm?--Doch wohl nicht borgen?--Ja,
Da kennt Ihr ihn.--Er borgen!--Seine Weisheit
Ist eben, dass er niemand borgt.

Sittah. Du hast
Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm
Gemacht.

Al-Hafi. Zur Not wird er Euch Waren borgen.
Geld aber, Geld? Geld nimmermehr.--Es ist
Ein Jude freilich uebrigens, wie's nicht
Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiss
Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er
Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten
Von allen andern Juden aus.--Auf den,
Auf den nur rechnet nicht.--Den Armen gibt
Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin.
Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern;
Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ
Und Muselmann und Parsi, alles ist
Ihm eins.

Sittah. Und so ein Mann...

Saladin. Wie kommt es denn,
Dass ich von diesem Manne nie gehoert?...

Sittah.
Der sollte Saladin nicht borgen? nicht
Dem Saladin, der nur fuer andre braucht,
Nicht sich?

Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder;
Den ganz gemeinen Juden!--Glaubt mir's doch!--
Er ist aufs Geben Euch so eifersuechtig,
So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in
Der Welt gesagt wird, zoeg' er lieber ganz
Allein. Nur darum eben leiht er keinem,
Damit er stets zu geben habe. Weil
Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die
Gefaelligkeit ihm aber nicht geboten: macht
Die Mild' ihn zu dem ungefaelligsten
Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit
Geraumer Zeit ein wenig uebern Fuss
Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, dass ich
Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.
Er ist zu allem gut: bloss dazu nicht;
Bloss dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich
Nur gehn, an andre Tueren klopfen... Da
Besinn ich mich soeben eines Mohren,
Der reich und geizig ist.--Ich geh; ich geh.

Sittah.
Was eilst du, Hafi?

Saladin. Lass ihn! lass ihn!



Dritter Auftritt

Sittah. Saladin.


Sittah. Eilt
Er doch, als ob er mir nur gern entkaeme!
Was heisst das?--Hat er wirklich sich in ihm
Betrogen, oder--moecht' er uns nur gern
Betruegen?

Saladin. Wie? das fragst du mich? Ich weiss
Ja kaum, von wem die Rede war; und hoere
Von euerm Juden, euerm Nathan heut
Zum erstenmal.

Sittah. Ist's moeglich? dass ein Mann
Dir so verborgen blieb, von dem es heisst,
Er habe Salomons und Davids Graeber
Erforscht, und wisse deren Siegel durch
Ein maechtiges geheimes Wort zu loesen?
Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit
Die unermesslichen Reichtuemer an
Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.

Saladin.
Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Graebern,
So waren's sicherlich nicht Salomons,
Nicht Davids Graeber. Narren lagen da
Begraben!

Sittah. Oder Boesewichter!--Auch
Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger,
Weit unerschoepflicher, als so ein Grab
Voll Mammon.

Saladin. Denn er handelt; wie ich hoerte.

Sittah.
Sein Saumtier treibt auf allen Strassen, zieht
Durch alle Wuesten; seine Schiffe liegen
In allen Haefen. Das hat mir wohl eh'
Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzuecken
Hinzugefuegt, wie gross, wie edel dieser
Sein Freund anwende, was so klug und emsig
Er zu erwerben fuer zu klein nicht achte.
Hinzugefuegt, wie frei von Vorurteilen
Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend,
Wie eingestimmt mit jeder Schoenheit sei.

Saladin.
Und itzt sprach Hafi doch so ungewiss,
So kalt von ihm.

Sittah. Kalt nun wohl nicht; verlegen.
Als halt' er's fuer gefaehrlich, ihn zu loben,
Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.--
Wie? oder waer' es wirklich so, dass selbst
Der Beste seines Volkes seinem Volke
Nicht ganz entfliehen kann? dass wirklich sich
Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite
Zu schaemen haette?--Sei dem, wie ihm wolle!--
Der Jude sei mehr oder weniger
Als Jud', ist er nur reich: genug fuer uns!

Saladin.
Du willst ihm aber doch das Seine mit
Gewalt nicht nehmen, Schwester?

Sittah. Ja, was heisst
Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein,
Was braucht es mit den Schwachen fuer Gewalt,
Als ihre Schwaeche?--Komm vor itzt nur mit
In meinen Haram, eine Saengerin
Zu hoeren, die ich gestern erst gekauft.
Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,
Den ich auf diesen Nathan habe.--Komm!



Vierter Auftritt

(Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stoesst.)

Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.


Recha.
Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er
Wird kaum noch mehr zu treffen sein.

Nathan. Nun, nun;
Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:
Doch anderwaerts.--Sei itzt nur ruhig.--Sieh!
Koemmt dort nicht Daja auf uns zu?

Recha. Sie wird
Ihn ganz gewiss verloren haben.

Nathan. Auch
Wohl nicht.

Recha. Sie wuerde sonst geschwinder kommen.

Nathan.
Sie hat uns wohl noch nicht gesehn...

Recha. Nun sieht
Sie uns.

Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sieh!
Sei doch nur ruhig! ruhig!

Recha. Wolltet Ihr
Wohl eine Tochter, die hier ruhig waere?
Sich unbekuemmert liesse, wessen Wohltat
Ihr Leben sei? Ihr Leben,--das ihr nur
So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.

Nathan.
Ich moechte dich nicht anders, als du bist:
Auch wenn ich wuesste, dass in deiner Seele
Ganz etwas anders noch sich rege.

Recha. Was,
Mein Vater?

Nathan. Fragst du mich? so schuechtern mich?
Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge
Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
Sich einst erklaert, mir seiner Wuensche keinen
Zu bergen.

Recha. Schon die Moeglichkeit, mein Herz
Euch lieber zu verhuellen, macht mich zittern.

Nathan.
Nichts mehr hiervon! Das ein fuer allemal
Ist abgetan.--Da ist ja Daja.--Nun?

Daja.
Noch wandelt er hier untern Palmen; und
Wird gleich um jene Mauer kommen.--Seht,
Da koemmt er!

Recha. Ah! und scheinet unentschlossen,
Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?
Ob links?

Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster
Gewiss noch oefter; und dann muss er hier
Vorbei.--Was gilt's?

Recha. Recht! recht!--Hast du ihn schon
Gesprochen? Und wie ist er heut?

Daja. Wie immer.

Nathan.
So macht nur, dass er Euch hier nicht gewahr
Wird. Tretet mehr zurueck. Geht lieber ganz
Hinein.

Recha. Nur einen Blick noch!--Ah! die Hecke,
Die mir ihn stiehlt.

Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat
Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,
Dass auf der Stell' er umkehrt.

Recha. Ah! die Hecke!

Nathan.
Und koemmt er ploetzlich dort aus ihr hervor:
So kann er anders nicht, er muss Euch sehn.
Drum geht doch nur!

Daja. Kommt! kommt! Ich weiss ein Fenster,
Aus dem wir sie bemerken koennen.

Recha. Ja?

(Beide hinein.)



Fuenfter Auftritt

Nathan und bald darauf der Tempelherr.


Nathan.
Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht
Mich seine rauhe Tugend stutzen. Dass
Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen
Soll machen koennen!--Ha! er koemmt.--Bei Gott!
Ein Juengling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl
Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang!
Die Schale kann nur bitter sein: der Kern
Ist's sicher nicht.--Wo sah ich doch dergleichen?--
Verzeihet, edler Franke...

Tempelherr. Was?

Nathan. Erlaubt...

Tempelherr.
Was, Jude? was?

Nathan. Dass ich mich untersteh,
Euch anzureden.

Tempelherr. Kann ich's wehren? Doch
Nur kurz.

Nathan. Verzieht, und eilet nicht so stolz,
Nicht so veraechtlich einem Mann vorueber,
Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.

Tempelherr.
Wie das?--Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid...

Nathan.
Ich heisse Nathan; bin des Maedchens Vater,
Das Eure Grossmut aus dem Feu'r gerettet;
Und komme...

Tempelherr. Wenn zu danken:--spart's! Ich hab
Um diese Kleinigkeit des Dankes schon
Zu viel erdulden muessen.--Vollends Ihr,
Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst' ich denn,
Dass dieses Maedchen Eure Tochter war?
Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten
Dem besten beizuspringen, dessen Not
Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem
In diesem Augenblicke laestig. Gern,
Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,
Es fuer ein andres Leben in die Schanze
Zu schlagen: fuer ein andres--wenn's auch nur
Das Leben einer Juedin waere.

Nathan. Gross!
Gross und abscheulich!--Doch die Wendung laesst
Sich denken. Die bescheidne Groesse fluechtet
Sich hinter das Abscheuliche, um der
Bewundrung auszuweichen.--Aber wenn
Sie so das Opfer der Bewunderung
Verschmaeht: was fuer ein Opfer denn verschmaeht
Sie minder?--Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd
Und nicht gefangen waeret, wuerd' ich Euch
So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit
Kann man Euch dienen?

Tempelherr. Ihr? Mit nichts.

Nathan. Ich bin
Ein reicher Mann.

Tempelherr. Der reichre Jude war
Mir nie der bessre Jude.

Nathan. Duerft Ihr denn
Darum nicht nuetzen, was demungeachtet
Er Bessres hat? nicht seinen Reichtum nuetzen?

Tempelherr.
Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden;
Um meines Mantels willen nicht. Sobald
Der ganz und gar verschlissen; weder Stich
Noch Fetze laenger halten will: komm ich
Und borge mir bei Euch zu einem neuen,
Tuch oder Geld.--Seht nicht mit eins so finster!
Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit
Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch
Im Stande. Nur der eine Zipfel da
Hat einen garstigen Fleck; er ist versengt.
Und das bekam er, als ich Eure Tochter
Durchs Feuer trug.

Nathan (der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet).
Es ist doch sonderbar,
Dass so ein boeser Fleck, dass so ein Brandmal
Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als
Sein eigner Mund. Ich moecht' ihn kuessen gleich--
Den Flecken!--Ah, verzeiht!--Ich tat es ungern.

Tempelherr.
Was?

Nathan. Eine Traene fiel darauf.

Tempelherr. Tut nichts!
Er hat der Tropfen mehr.--(Bald aber faengt
Mich dieser Jud' an zu verwirren.)

Nathan. Waert
Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel
Auch einmal meinem Maedchen?

Tempelherr. Was damit?

Nathan.
Auch ihren Mund an diesen Fleck zu druecken.
Denn Eure Kniee selber zu umfassen,
Wuenscht sie nun wohl vergebens.

Tempelherr. Aber, Jude--
Ihr heisset Nathan?--Aber, Nathan--Ihr
Setzt Eure Worte sehr--sehr gut--sehr spitz--
Ich bin betreten--Allerdings--ich haette...

Nathan.
Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find
Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,
Um hoeflicher zu sein.--Das Maedchen, ganz
Gefuehl; der weibliche Gesandte, ganz
Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt--
Ihr trugt fuer ihren guten Namen Sorge;
Floht ihre Pruefung; floht, um nicht zu siegen.
Auch dafuer dank ich Euch--

Tempelherr. Ich muss gestehn,
Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.

Nathan.
Nur Tempelherren? sollten bloss? und bloss
Weil es die Ordensregeln so gebieten?
Ich weiss, wie gute Menschen denken; weiss,
Dass alle Laender gute Menschen tragen.

Tempelherr.
Mit Unterschied, doch hoffentlich?

Nathan. Jawohl;
An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.

Tempelherr.
Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

Nathan.
Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her.
Der grosse Mann braucht ueberall viel Boden;
Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen
Sich nur die Aeste. Mittelgut, wie wir,
Find't sich hingegen ueberall in Menge.
Nur muss der eine nicht den andern maekeln.
Nur muss der Knorr den Knuppen huebsch vertragen.
Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,
Dass es allein der Erde nicht entschossen.

Tempelherr.
Sehr wohl gesagt!--Doch kennt Ihr auch das Volk,
Das diese Menschenmaekelei zuerst
Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk
Zuerst das auserwaehlte Volk sich nannte?
Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,
Doch wegen seines Stolzes zu verachten,
Mich nicht entbrechen koennte? Seines Stolzes;
Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
Nur sein Gott sei der rechte Gott!--Ihr stutzt,
Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?
Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
Der ganzen Welt als besten auf zudringen,
In ihrer schwaerzesten Gestalt sich mehr
Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt
Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch
Sei blind, wer will!--Vergesst, was ich gesagt;
Und lasst mich! (Will gehen.)

Nathan. Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester
Ich nun mich an Euch draengen werde.--Kommt,
Wir muessen, muessen Freunde sein!--Verachtet
Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
Wir unser Volk? Was heisst denn Volk?
Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
Gefunden haette, dem es gnuegt, ein Mensch
Zu heissen!

Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
Das habt Ihr!--Eure Hand!--Ich schaeme mich,
Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

Nathan.
Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine
Verkennt man selten.

Tempelherr. Und das Seltene
Vergisst man schwerlich.--Nathan, ja;
Wir muessen, muessen Freunde werden.

Nathan. Sind
Es schon.--Wie wird sich meine Recha freuen!--
Und ah! welch eine heitre Ferne schliesst
Sich meinen Blicken auf!--Kennt sie nur erst.

Tempelherr.
Ich brenne vor Verlangen.--Wer stuerzt dort
Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja?

Nathan.
Jawohl. So aengstlich?

Tempelherr. Unsrer Recha ist
Doch nichts begegnet?



Sechster Auftritt

Die Vorigen und Daja eilig.


Daja. Nathan! Nathan!

Nathan. Nun?

Daja.
Verzeihet, edler Ritter, dass ich Euch
Muss unterbrechen.

Nathan. Nun, was ist's?

Tempelherr. Was ist's?

Daja.
Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will
Euch sprechen. Gott, der Sultan!

Nathan. Mich? der Sultan?
Er wird begierig sein, zu sehen, was
Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei
Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.

Daja.
Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,
Euch in Person, und bald; sobald Ihr koennt.--

Nathan.
Ich werde kommen.--Geh nur wieder, geh!

Daja.
Nehmt ja nicht uebel auf, gestrenger Ritter--
Gott, wir sind so bekuemmert, was der Sultan
Doch will.

Nathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!



Siebenter Auftritt

Nathan und der Tempelherr.


Tempelherr.
So kennt Ihr ihn noch nicht?--ich meine, von
Person.

Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte,
Als sehn. Doch nun,--wenn anders dem so ist,
Hat er durch Sparung Eures Lebens...

Tempelherr. Ja;
Dem allerdings ist so. Das Leben, das
ich leb, ist sein Geschenk.

Nathan. Durch das er mir
Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
Hat alles zwischen uns veraendert; hat
Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
Gestehn, dass ich es Euertwegen bin.

Tempelherr.
Noch hab ich selber ihm nicht danken koennen:
Sooft ich auch ihm in den Weg getreten.
Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.
Wer weiss, ob er sich meiner gar erinnert.
Und dennoch muss er, einmal wenigstens,
Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
Ganz zu entscheiden. Nicht genug, dass ich
Auf sein Geheiss noch bin, mit seinem Willen
Noch leb: ich muss nun auch von ihm erwarten,
Nach wessen Willen ich zu leben habe.

Nathan.
Nicht anders; um so mehr will ich nicht saeumen.--
Es faellt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
Zu kommen, Anlass gibt.--Erlaubt, verzeiht--
Ich eile--Wenn, wenn aber sehn wir Euch
Bei uns?

Tempelherr. Sobald ich darf.

Nathan. Sobald Ihr wollt.

Tempelherr.
Noch heut.

Nathan. Und Euer Name?--muss ich bitten.

Tempelherr.
Mein Name war--ist Curd von Stauffen.--Curd!

Nathan.
Von Stauffen?--Stauffen?--Stauffen?

Tempelherr. Warum faellt
Euch das so auf?

Nathan. Von Stauffen?--Des Geschlechts
Sind wohl noch mehrere...

Tempelherr. O ja! hier waren,
Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
Mein Oheim selbst,--mein Vater will ich sagen,
Doch warum schaerft sich Euer Blick auf mich
Je mehr und mehr?

Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann
Ich Euch zu sehn ermueden?

Tempelherr. Drum verlass
Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
Nicht selten mehr, als er zu finden wuenschte.
Ich fuercht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allmaehlich,
Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.

(Er geht.)

Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht).
"Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
Zu finden wuenschte."--Ist es doch, als ob
In meiner Seel' er lese!--Wahrlich ja;
Das koennt' auch mir begegnen.--Nicht allein
Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So,
Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf
Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen.
Wie solche tiefgepraegte Bilder doch
Zu Zeiten in uns schlafen koennen, bis
Ein Wort, ein Laut sie weckt.--Von Stauffen!--
Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen.--
Ich will das bald genauer wissen; bald.
Nur erst zum Saladin.--Doch wie? lauscht dort
Nicht Daja?--Nun so komm nur naeher, Daja.



Achter Auftritt

Daja. Nathan.


Nathan.
Was gilt's? nun drueckt's euch beiden schon das Herz,
Noch ganz was anders zu erfahren, als
Was Saladin mir will.

Daja. Verdenkt Ihr's ihr?
Ihr fingt soeben an, vertraulicher
Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft
Uns von dem Fenster scheuchte.

Nathan. Nun, so sag
Ihr nur, dass sie ihn jeden Augenblick
Erwarten darf.

Daja. Gewiss? gewiss?

Nathan. Ich kann
Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei
Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll
Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst
Soll seine Rechnung dabei finden. Nur
Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur
Erzaehl und frage mit Bescheidenheit,
Mit Rueckhalt...

Daja. Dass Ihr doch noch erst so was
Erinnern koennt!--Ich geh; geht Ihr nur auch.
Denn seht! ich glaube gar, da koemmt vom Sultan
Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.)



Neunter Auftritt

Nathan. Al-Hafi.


Al-Hafi.
Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder.

Nathan.
Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn
Von mir?

Al-Hafi. Wer?

Nathan. Saladin.--Ich komm, ich komme.

Al-Hafi.
Zu wem? Zum Saladin?

Nathan. Schickt Saladin
Dich nicht?

Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?

Nathan.
Ja freilich hat er.

Al-Hafi. Nun, so ist es richtig.

Nathan.
Was? was ist richtig?

Al-Hafi. Dass... ich bin nicht schuld;
Gott weiss, ich bin nicht schuld.--Was hab ich nicht
Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!

Nathan.
Was abzuwenden? Was ist richtig?

Al-Hafi. Dass
Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich
Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht.
Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon
Gehoert, wohin; und wisst den Weg.--Habt Ihr
Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin
Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein,
Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.
Ich geh, sagt bald.

Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi.
Besinn dich, dass ich noch von gar nichts weiss.
Was plauderst du denn da?

Al-Hafi. Ihr bringt sie doch
Gleich mit, die Beutel?

Nathan. Beutel?

Al-Hafi. Nun, das Geld,
Das Ihr dem Saladin vorschiessen sollt.
Nathan.
Und weiter ist es nichts?

Al-Hafi. Ich sollt' es wohl
Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag
Aushoehlen wird bis auf die Zehen? Sollt'
Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus
Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern
So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
Die armen eingebornen Maeuschen drin
Verhungern?--Bildet Ihr vielleicht Euch ein,
Wer Euers Gelds beduerftig sei, der werde
Doch Euerm Rate wohl auch folgen?--Ja;
Er Rate folgen! Wenn hat Saladin
Sich raten lassen?--Denkt nur, Nathan, was
Mir eben itzt mit ihm begegnet.

Nathan. Nun?

Al-Hafi.
Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach
Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt
Nicht uebel; und das Spiel, das Saladin
Verloren glaubte, schon gegeben hatte,
Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,
Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht
Verloren.

Nathan. Ei! das war fuer dich ein Fund!

Al-Hafi.
Er durfte mit dem Koenig an den Bauer
Nur ruecken, auf ihr Schach.--Wenn ich's Euch gleich
Nur zeigen koennte!

Nathan. O ich traue dir!

Al-Hafi.
Denn so bekam der Roche Feld: und sie
War hin.--Das alles will ich ihm nun weisen
Und ruf ihn.--Denkt!...

Nathan. Er ist nicht deiner Meinung?

Al-Hafi.
Er hoert mich gar nicht an, und wirft veraechtlich
Das ganze Spiel in Klumpen.

Nathan. Ist das moeglich?

Al-Hafi.
Und sagt: er wolle matt nun einmal sein;
Er wolle! Heisst das spielen?

Nathan. Schwerlich wohl;
Heisst mit dem Spielen spielen.

Al-Hafi. Gleichwohl galt
Es keine taube Nuss.

Nathan. Geld hin, Geld her!
Das ist das wenigste. Allein dich gar
Nicht anzuhoeren! ueber einen Punkt
Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal
Zu hoeren! deinen Adlerblick nicht zu
Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?

Al-Hafi.
Ach was! Ich sage Euch das nur, damit
Ihr sehen koennt, was fuer ein Kopf er ist.
Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht laenger aus.
Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren
Herum, und frage, wer ihm borgen will.
Ich, der ich nie fuer mich gebettelt habe,
Soll nun fuer andre borgen. Borgen ist
Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,
Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an
Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche
Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr
Der einzige, der noch so wuerdig waere,
Dass er am Ganges lebte.--Wollt Ihr mit?--
Lasst ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,
Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach
Und nach doch drum. So waer' die Plackerei
Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.
Kommt! kommt!

Nathan. Ich daechte zwar, das blieb' uns ja
Noch immer uebrig. Doch, Al-Hafi, will
Ich's ueberlegen. Warte...

Al-Hafi. Ueberlegen?
Nein, so was ueberlegt sich nicht.

Nathan. Nur bis
Ich von dem Sultan wiederkomme; bis
Ich Abschied erst...

Al-Hafi. Wer ueberlegt, der sucht
Bewegungsgruende, nicht zu duerfen. Wer
Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht,
Entschliessen kann, der lebet andrer Sklav'
Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch
Wohl duenkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da.

Nathan.
Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine
Berichtigen?

Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand
Von meiner Kass' ist nicht des Zaehlens wert;
Und meine Rechnung buergt--Ihr oder Sittah.
Lebt wohl! (Ab.)

Nathan (ihm nachsehend).
Die buerg ich!--Wilder, guter, edler--
Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist
Doch einzig und allein der wahre Koenig!
(Von einer andern Seite ab.)





Dritter Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: in Nathans Hause.)


Recha und Daja.

Recha.
Wie, Daja, drueckte sich mein Vater aus?
"Ich duerf' ihn jeden Augenblick erwarten?"
Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald
Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke
Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt
An die verflossenen?--Ich will allein
In jedem naechsten Augenblicke leben.
Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

Daja.
O der verwuenschten Botschaft von dem Sultan!
Denn Nathan haette sicher ohne sie
Ihn gleich mit hergebracht.

Recha. Und wenn er nun
Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
Nun meiner Wuensche waermster, innigster
Erfuellet ist: was dann?--was dann?

Daja. Was dann?
Dann hoff ich, dass auch meiner Wuensche waermster
Soll in Erfuellung gehen.

Recha. Was wird dann
In meiner Brust an dessen Stelle treten,
Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden
Wunsch aller Wuensche sich zu dehnen?--Nichts?
Ah, ich erschrecke!...

Daja. Mein, mein Wunsch wird dann
An des erfuellten Stelle treten; meiner.
Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Haenden
Zu wissen, welche deiner wuerdig sind.

Recha.
Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht,
Das naemliche verhindert, dass er meiner
Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
Und meines, meines sollte mich nicht halten?
Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele
Noch nicht verloschen, sollte mehr vermoegen,
Als die ich sehn, und greifen kann, und hoeren,
Die Meinen?

Daja. Sperre dich, soviel du willst!
Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
Und wenn es nun dein Retter selber waere,
Durch den sein Gott, fuer den er kaempft, dich in
Das Land, dich zu dem Volke fuehren wollte,
Fuer welche du geboren wurdest?

Recha. Daja!
Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
Begriffe! "Sein, sein Gott! fuer den er kaempft!"
Wem eignet Gott? was ist das fuer ein Gott,
Der einem Menschen eignet? der fuer sich
Muss kaempfen lassen?--Und wie weiss
Man denn, fuer welchen Erdkloss man geboren,
Wenn man's fuer den nicht ist, auf welchem man
Geboren?--Wenn mein Vater dich so hoerte!--
Was tat er dir, mir immer nur mein Glueck
So weit von ihm als moeglich vorzuspiegeln?
Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
Den er so rein in meine Seele streute,
Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja,
Er will nun deine bunten Blumen nicht
Auf meinem Boden!--Und ich muss dir sagen,
Ich selber fuehle meinen Boden, wenn
Sie noch so schoen ihn kleiden, so entkraeftet,
So ausgezehrt durch deine Blume; fuehle
In ihrem Dufte, sauersuessem Dufte,
Mich so betaeubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn
Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
Die staerkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
Nur schlaegt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
Wie wenig fehlte, dass er mich zur Naerrin
Gemacht?--Noch schaem ich mich vor meinem Vater
Der Posse!

Daja. Posse!--Als ob der Verstand
Nur hier zu Hause waere! Posse! Posse!
Wenn ich nur reden duerfte!

Recha. Darfst du nicht?
Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir
Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden
Nicht immer Traenen gern gezollt? Ihr Glaube
Schien freilich mir das Heldenmaessigste
An ihnen nie. Doch so viel troestender
War mir die Lehre, dass Ergebenheit
In Gott von unserm Waehnen ueber Gott
So ganz und gar nicht abhaengt.--Liebe Daja,
Das hat mein Vater uns so oft gesagt;
Darueber hast du selbst mit ihm so oft
Dich einverstanden: warum untergraebst
Du denn allein, was du mit ihm zugleich
Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein
Gespraech, womit wir unserm Freund' am besten
Entgegensehn. Fuer mich zwar, ja! Denn mir,
Mir liegt daran unendlich, ob auch er...
Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Tuere?
Wenn Er es waere! horch!



Zweiter Auftritt

Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von aussen die Tuere oeffnet,
mit den Worten:


Nur hier herein!

Recha (faehrt zusammen, fasst sich und will ihm zu Fuessen fallen).
Er ist's!--Mein Retter, ah!

Tempelherr. Dies zu vermeiden
Erschien ich bloss so spaet: und doch--

Recha. Ich will
Ja zu den Fuessen dieses stolzen Mannes
Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.
Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig
Als ihn der Wassereimer will, der bei
Dem Loeschen so geschaeftig sich erwiesen.
Der liess sich fuellen, liess sich leeren, mir
Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
Ward nur so in die Glut hineingestossen;
Da fiel ich ungefaehr ihm in den Arm;
Da blieb ich ungefaehr, so wie ein Funken
Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
Bis wiederum, ich weiss nicht was, uns beide
Herausschmiss aus der Glut.--Was gibt es da
Zu danken?--In Europa treibt der Wein
Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren,
Die muessen einmal nun so handeln; muessen
Wie etwas besser zugelernte Hunde,
Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.

Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit ueber betrachtet).
O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken
Des Kummers und der Galle, meine Laune
Dich uebel anliess, warum jede Torheit,
Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
Das hiess sich zu empfindlich raechen, Daja!
Doch wenn du nur von nun an besser mich
Bei ihr vertreten willst.

Daja. Ich denke, Ritter
Ich denke nicht, dass diese kleinen Stacheln,
Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr
Geschadet haben.

Recha. Wie? Ihr hattet Kummer?
Und wart mit Euerm Kummer geiziger
Als Euerm Leben?

Tempelherr. Gutes, holdes Kind!--
Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
Und Ohr geteilt!--Das war das Maedchen nicht,
Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
Ich holte.--Denn wer haette die gekannt,
Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer haette
Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck.
(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)

Recha.
Ich aber find Euch noch den naemlichen.--
(Dergleichen; bis sie fortfaehrt, um ihn in seinem Anstaunen zu
unterbrechen.)
Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange
Gewesen?--Fast duerft' ich auch fragen: wo
Ihr itzo seid?

Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht
Nicht sollte sein.--

Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch
Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?
Das ist nicht gut.

Tempelherr. Auf--auf--wie heisst der Berg?
Auf Sinai.

Recha. Auf Sinai?--Ah schoen!
Nun kann ich zuverlaessig doch einmal
Erfahren, ob es wahr...

Tempelherr. Was? was? Ob's wahr,
Dass noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses
Vor Gott gestanden, als...

Recha. Nun das wohl nicht.
Denn wo er, stand, stand er vor Gott. Und davon
Ist mir zur Gnuege schon bekannt.--Ob's wahr,
Moecht' ich nur gern von Euch erfahren, dass--
Dass es bei weitem nicht so muehsam sei,
Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als
Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch
Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.--
Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab?
Wollt mich nicht sehn?

Tempelherr. Weil ich Euch hoeren will.

Recha.
Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dass
Ihr meiner Einfalt laechelt; dass Ihr laechelt,
Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers
Von diesem heiligen Berg' aller Berge
Zu fragen weiss? Nicht wahr?

Tempelherr. So muss
Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.--
Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeisst
Das Laecheln Ihr? wie ich noch erst in Mienen,
In zweifelhaften Mienen lesen will,
Was ich so deutlich hoer, Ihr so vernehmlich
Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie
Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!"

Recha.
Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt?

Tempelherr. "Kennt sie
Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt;
Von Euch gesagt.

Daja. Und ich nicht etwa auch?
Ich denn nicht auch?

Tempelherr. Allein wo ist er denn?
Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch
Beim Sultan?

Recha. Ohne Zweifel.

Tempelherr. Noch, noch da?--
O mich Vergesslichen! Nein, nein; da ist
Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei
Dem Kloster meiner warten; ganz gewiss.
So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!
Ich geh, ich hol ihn...

Daja. Das ist meine Sache.
Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzueglich.

Tempelherr.
Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen;
Nicht Euch. Dazu, er koennte leicht... wer weiss? ...
Er koennte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt
Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit
Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr,
Wenn ich nicht geh.

Recha. Gefahr? was fuer Gefahr?

Tempelherr.
Gefahr fuer mich, fuer Euch, fuer ihn: wenn ich
Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)



Dritter Auftritt

Recha und Daja.


Recha. Was ist das, Daja?--
So schnell?--Was koemmt ihm an? Was fiel ihm auf?
Was jagt ihn?

Daja. Lasst nur, lasst. Ich denk, es ist
Kein schlimmes Zeichen.

Recha. Zeichen? und wovon?

Daja.
Dass etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
Und soll nicht ueberkochen. Lasst ihn nur.
Nun ist's an Euch.

Recha. Was ist an mir? Du wirst,
Wie er, mir unbegreiflich.

Daja. Bald nun koennt
Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die
Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.

Recha.
Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.

Daja.
Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?

Recha.
Das bin ich; ja das bin ich...

Daja. Wenigstens
Gesteht, dass Ihr Euch seiner Unruh' freut;
Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt
Von Ruh' geniesst.

Recha. Mir voellig unbewusst!
Denn was ich hoechstens dir gestehen koennte,
Waer', dass es mich--mich selbst befremdet, wie
Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
So eine Stille ploetzlich folgen koennen.
Sein voller Anblick, sein Gespraech, sein Ton
Hat mich...

Daja. Gesaettigt schon?

Recha. Gesaettigt, will
Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht.

Daja.
Den heissen Hunger nur gestillt.

Recha. Nun ja:
Wenn du so willst.

Daja. Ich eben nicht.

Recha. Er wird
Mir ewig wert; mir ewig werter, als
Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls
Nicht mehr bei seinem blossen Namen wechselt;
Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,
Geschwinder, staerker schlaegt.--Was schwatz ich? Komm,
Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
Das auf die Palmen sieht.

Daja. So ist er doch
Wohl noch nicht ganz gestillt, der heisse Hunger.

Recha.
Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn:
Nicht ihn bloss untern Palmen.

Daja. Diese Kaelte
Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.

Recha.
Was Kaelt'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich
Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.



Vierter Auftritt

(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)


Saladin und Sittah.

Saladin (im Hereintreten, gegen die Tuere).
Hier bringt den Juden her, sobald er koemmt.
Er scheint sich eben nicht zu uebereilen.

Sittah.
Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich
Zu finden.

Saladin. Schwester! Schwester!

Sittah. Tust du doch,
Als stuende dir ein Treffen vor.

Saladin. Und das
Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu fuehren.
Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
Soll Fallen legen; soll auf Glatteis fuehren.
Wenn haett' ich das gekonnt? Wo haett' ich das
Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu?
Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld,
Geld einem Juden abzubangen; Geld!
Zu solchen kleinen Listen waer' ich endlich
Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
Zu schaffen?

Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr
Verschmaeht, die raecht sich, Bruder.

Saladin. Leider wahr.--
Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
Vernuenft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir
Ihn ehedem beschrieben?

Sittah. O nun dann!
Was hat es dann fuer Not! Die Schlinge liegt
Ja nur dem geizigen, besorglichen,
Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht
Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnuegen,
Zu hoeren, wie ein solcher Mann sich ausred't;
Mit welcher dreisten Staerk' entweder er
Die Stricke kurz zerreisset; oder auch
Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
Vorbei sich windet: dies Vergnuegen hast
Du obendrein.

Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiss;
Ich freue mich darauf.

Sittah. So kann dich ja
Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
Ist's einer aus der Menge bloss; ist's bloss
Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
Wirst du dich doch nicht schaemen, so zu scheinen,
Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;
Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
Als Geck, als Narr.

Saladin. So muss ich ja wohl gar
Schlecht handeln, dass von mir der Schlechte nicht
Schlecht denke?

Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

Saladin.
Was haett' ein Weiberkopf erdacht, das er
Nicht zu beschoenen wuesste!

Sittah. Zu beschoenen!

Saladin.
Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,
In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was
Will ausgefuehrt sein, wie's erfunden ist:
Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch,
Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;
Und koennt' es freilich lieber--schlechter noch
Als besser.

Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig!
Ich stehe dir fuer dich! Wenn du nur willst.--
Dass uns die Maenner deinesgleichen doch
So gern bereden moechten, nur ihr Schwert,
Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
Der Loewe schaemt sich freilich, wenn er mit
Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List.

Saladin.
Und dass die Weiber doch so gern den Mann
Zu sich herunter haetten!--Geh nur, geh!--
Ich glaube meine Lektion zu koennen.

Sittah.
Was? ich soll gehn?

Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?

Sittah.
Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben--
Doch hier im Nebenzimmer--

Saladin. Da zu horchen?
Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.--
Fort, fort! der Vorhang rauscht; er koemmt!--doch dass
Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

(Indem sie sich durch eine Tuere entfernt, tritt Nathan zu der andern
herein; und Saladin hat sich gesetzt.)



Fuenfter Auftritt

Saladin und Nathan.


Saladin.
Tritt naeher, Jude!--Naeher!--Nur ganz her!
Nur ohne Furcht!

Nathan. Die bleibe deinem Feinde!

Saladin.
Du nennst dich Nathan?

Nathan. Ja.

Saladin. Den weisen Nathan?

Nathan.
Nein.

Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.

Nathan.
Kann sein; das Volk!

Saladin. Du glaubst doch nicht, dass ich
Veraechtlich von des Volkes Stimme denke?--
Ich habe laengst gewuenscht, den Mann zu kennen,
Den es den Weisen nennt.

Nathan. Und wenn es ihn
Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
Nichts weiter waer' als klug? und klug nur der,
Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

Saladin.
Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

Nathan.
Dann freilich waer' der Eigennuetzigste
Der Kluegste. Dann waer' freilich klug und weise
Nur eins.

Saladin. Ich hoere dich erweisen, was
Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre
Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.
Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
Hast drueber nachgedacht: das auch allein
Macht schon den Weisen.

Nathan. Der sich jeder duenkt
Zu sein.

Saladin. Nun der Bescheidenheit genug!
Denn sie nur immerdar zu hoeren, wo
Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.
(Er springt auf.)
Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber
Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

Nathan. Sultan, ich
Will sicherlich dich so bedienen, dass
Ich deiner fernern Kundschaft wuerdig bleibe.

Saladin. Bedienen? wie?

Nathan. Du sollst das Beste haben
Von allem; sollst es um den billigsten
Preis haben.

Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht
Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir
Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)--
Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.

Nathan.
So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,
Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
Der allerdings sich wieder reget, etwa
Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen...

Saladin.
Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
Gesteuert. Davon weiss ich schon, so viel
Ich noetig habe.--Kurz-,--

Nathan. Gebiete, Sultan.

Saladin.
Ich heische deinen Unterricht in ganz
Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun
So weise bist: so sage mir doch einmal--
Was fuer ein Glaube, was fuer ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?

Nathan. Sultan,
Ich bin ein Jud'.

Saladin. Und ich ein Muselmann.
Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei
Religionen kann doch eine nur
Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Gruenden, Wahl des Bessern.
Wohlan! so teile deine Einsicht mir
Dann mit. Lass mich die Gruende hoeren, denen
Ich selber nachzugruebeln, nicht die Zeit
Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gruende
Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen,
Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
Du stutzest? waegst mich mit dem Auge?--Kann
Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin,
Der eine solche Grille hat; die mich
Doch eines Sultans eben nicht so ganz
Unwuerdig duenkt.--Nicht wahr?--So rede doch!
Sprich!--Oder willst du einen Augenblick,
Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir.
(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
Will hoeren, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach.
Geschwind denk nach! Ich saeume nicht, zurueck-
Zukommen.
(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)



Sechster Auftritt

Nathan allein.


Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist
Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin
Auf Geld gefasst; und er will--Wahrheit. Wahrheit!
Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob
Die Wahrheit Muenze waere!--ja, wenn noch
Uralte Muenze, die gewogen ward!--
Das ginge noch! Allein so neue Muenze,
Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
Nur zaehlen darf, das ist sie doch nun nicht!
Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl
Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar,
Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur
Als Falle brauche, waer' auch gar zu klein!--
Zu klein?--Was ist fuer einen Grossen denn
Zu klein?--Gewiss, gewiss: er stuerzte mit
Der Tuere so ins Haus! Man pocht doch, hoert
Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich muss
Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz
Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.--
Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
Denn, wenn kein Jude, duerft' er mich nur fragen,
Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann
Mich retten!--Nicht die Kinder bloss, speist man
Mit Maerchen ab.--Er kommt. Er komme nur!



Siebenter Auftritt

Saladin und Nathan.


Saladin.
(So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch
Nicht zu geschwind zurueck? Du bist zu Rande
Mit deiner Ueberlegung.--Nun so rede!
Es hoert uns keine Seele.

Nathan. Moecht' auch doch
Die ganze Welt uns hoeren.

Saladin. So gewiss
Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
Verhehlen! fuer sie alles auf das Spiel
Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

Nathan.
Ja! Ja! wann's noetig ist und nutzt.

Saladin. Von nun
An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
Mit Recht zu fuehren.

Nathan. Traun, ein schoener Titel!
Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzaehlen?

Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzaehlt.

Nathan. Ja, gut erzaehlen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin. Schon wieder
So stolz bescheiden?--Mach! erzaehl, erzaehle!

Nathan.
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschaetzbarem Wert
Aus lieber Hand besass. Der Stein war ein
Opal, der hundert schoene Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Dass ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger liess; und die Verfuegung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Naemlich so. Er liess den Ring
Von seinen Soehnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, dass dieser wiederum
Den Ring von seinen Soehnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fuerst des Hauses werde.--
Versteh mich, Sultan.

Saladin. Ich versteh dich. Weiter!

Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Soehnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergiessend Herz
Die andern zwei nicht teilten,--wuerdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging.--Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Koemmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Soehnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kraenken.--Was zu tun?--
Er sendet in geheim zu einem Kuenstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Muehe sparen heisst, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Kuenstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Soehne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen,--
Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hoerst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hoer, ich hoere!--Komm mit deinem Maerchen
Nur bald zu Ende.--Wird's?

Nathan. Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.--
Kaum war der Vater tot, so koemmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fuerst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich;--
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt--der rechte Glaube.

Saladin. Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage?...

Nathan. Soll
Mich bloss entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen liess,
Damit sie nicht zu unterscheiden waeren.

Saladin.
Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich daechte,
Dass die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden waeren.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

Nathan.
Und nur von seiten ihrer Gruende nicht.
Denn gruenden alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder ueberliefert!--Und
Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden?--Nicht?--
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getaeuscht, als wo
Getaeuscht zu werden uns heilsamer war?--
Wie kann ich meinen Vaetern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.--
Kann ich von dir verlangen, dass du deine
Vorfahren Luegen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das naemliche gilt von den Christen. Nicht?--

Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muss verstummen.)

Nathan. Lass auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Soehne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Geniessen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater,
Beteurt' jeder, koenne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass': eh' muess' er seine Brueder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verraeter
Schon auszufinden wissen; sich schon raechen.

Saladin.
Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hoeren,
Was du den Richter sagen laessest. Sprich!

Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich Raetsel
Zu loesen da bin? Oder harret ihr,
Bis dass der rechte Ring den Mund eroeffne?--
Doch halt! Ich hoere ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht koennen!--Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurueck? und nicht
Nach aussen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrueger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, liess der Vater
Die drei fuer einen machen.

Saladin. Herrlich! herrlich!

Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache voellig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten.--Moeglich; dass der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht laenger
In seinem Hause dulden willen!--Und gewiss;
Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht druecken moegen,
Um einen zu beguenstigen.--Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Vertraeglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kraefte
Bei euern Kindes-Kindeskindern aeussern:
So lad ich ueber tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der
Bescheidne Richter.

Saladin. Gott! Gott!

Nathan. Saladin,
Wenn du dich fuehlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein:...

Saladin (der auf ihn zustuerzt und seine Hand ergreift, die er bis zu
Ende nicht wieder fahren laesst).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

Nathan. Was ist dir, Sultan?

Saladin. Nathan, lieber Nathan!--
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund.

Nathan.
Und weiter haette Saladin mir nichts
Zu sagen?

Saladin. Nichts.

Nathan. Nichts?

Saladin. Gar nichts.--Und warum?

Nathan.
Ich haette noch Gelegenheit gewuenscht,
Dir eine Bitte vorzutragen.

Saladin. Braucht's
Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede!

Nathan.
Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher
Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich
Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt
Bedenklich wiederum zu werden;--und
Ich weiss nicht recht, wo sicher damit hin.--
Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch
Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
Erfordert,--etwas brauchen koenntest.

Saladin (ihm steif in die Augen sehend).
Nathan!--
Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen,
Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
Erbieten freierdings zu tun:...

Nathan. Ein Argwohn?

Saladin.
Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's?
Ich muss dir nur gestehen,--dass ich im
Begriffe war--

Nathan. Doch nicht, das Naemliche
An mich zu suchen?

Saladin. Allerdings.

Nathan. So waer'
Uns beiden ja geholfen!--Dass ich aber
Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
Das macht der junge Tempelherr. Du kennst
Ihn ja. Ihm hab ich eine grosse Post
Vorher noch zu bezahlen.

Saladin. Tempelherr?
Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
Mit deinem Geld auch unterstuetzen wollen?

Nathan.
Ich spreche von dem einen nur, dem du
Das Leben spartest...

Saladin. Ah! woran erinnerst
Du mich!--Hab ich doch diesen Juengling ganz
Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er?

Nathan. Wie?
So weisst du nicht, wieviel von deiner Gnade
Fuer ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.

Saladin.
Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus.
Das haette traun mein Bruder auch getan,
Dem er so aehnelt!--Ist er denn noch hier?
So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester
Von diesem ihren Bruder, den sie nicht
Gekannt, so viel erzaehlet, dass ich sie
Sein Ebenbild doch auch muss sehen lassen!--
Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat,
Gebar sie auch schon blosse Leidenschaft,
Doch so viel andre gute Taten fliessen!
Geh, hol ihn!

Nathan (indem er Saladins Hand fahren laesst).
Augenblicks! Und bei dem andern
Bleibt es doch auch? (Ab.)

Saladin. Ah! dass ich meine Schwester
Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn
Wie soll ich alles das ihr nun erzaehlen?

(Ab von der andern Seite.)



Achter Auftritt

Die Szene: unter den Palmen, in der Naehe des Klosters, wo der

Tempelherr Nathans wartet.


Tempelherr (geht, mit sich selbst kaempfend, auf und ab; bis er
losbricht).
--Hier haelt das Opfertier ermuedet still.--
Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht naeher wissen,
Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst
Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch
Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!--
Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
Gefallen; unter den zu kommen, ich
So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn,
Die ich zu sehn so wenig luestern war,
Sie sehn, und der Entschluss, sie wieder aus
Den Augen nie zu lassen.--Was Entschluss?
Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt',
Ich litte bloss.--Sie sehn, und das Gefuehl
An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,
War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt
Zu leben, ist mir ganz undenkbar; waer'
Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode
Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe:
So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt
Der Christ das Judenmaedchen freilich.--Hm!
Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,--
Und drum auch mir gelobt auf immerdar!--
Der Vorurteile mehr schon abgelegt.--
Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
Der Kopf, den Saladin mir schenkte, waer'
Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem
Nichts weiss, was jenem eingeplaudert ward,
Was jenen band.--Und ist ein bessrer; fuer
Den vaeterlichen Himmel mehr gemacht.
Das spuer ich ja. Denn erst mit ihm beginn
Ich so zu denken, wie mein Vater hier
Gedacht muss haben; wenn man Maerchen nicht
Von ihm mir vorgelegen.--Maerchen?--doch
Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr
Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel?
Ich will mit Maennern lieber fallen, als
Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel buerget mir
Fuer seinen Beifall. Und an wessen Beifall
Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen
Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!--
Und der so ganz nur Jude scheinen will!
Da koemmt er; koemmt mit Hast; glueht heitre Freude.
Wer kam vom Saladin je anders?--He!
He, Nathan!



Neunter Auftritt

Nathan und der Tempelherr.


Nathan. Wie? seid Ihr's?

Tempelherr. Ihr habt
Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten.

Nathan.
So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn
Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann
Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloss sein Schatten.
Doch lasst vor allen Dingen Euch geschwind
Nur sagen...

Tempelherr. Was?

Nathan. Er will Euch sprechen; will,
Dass ungesaeumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet
Mich nur nach Hause, wo ich noch fuer ihn
Erst etwas anders zu verfuegen habe:
Und dann, so gehn wir!

Tempelherr. Nathan, Euer Haus
Betret ich wieder eher nicht...

Nathan. So seid
Ihr doch indes schon da gewesen? habt
Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie
Gefaellt Euch Recha?

Tempelherr. Ueber allen Ausdruck!
Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie!
Nie! nie!--Ihr muesstet mir zur Stelle denn
Versprechen:--dass ich sie auf immer, immer--
Soll koennen sehn.

Nathan. Wie wollt Ihr, dass ich das
Versteh?

Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm ploetzlich um den Hals fallend).
Mein Vater!

Nathan.--Junger Mann!

Tempelherr (ihn ebenso ploetzlich wieder lassend).
Nicht Sohn?--
Ich bitt Euch, Nathan!--

Nathan. Lieber junger Mann!

Tempelherr.
Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwoer
Euch bei den ersten Banden der Natur!--
Zieht ihnen spaetre Fesseln doch nicht vor!--
Begnuegt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stosst mich
Nicht von Euch!

Nathan. Lieber, lieber Freund!...

Tempelherr. Und Sohn?
Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn
Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
Der Liebe schon den Weg gebahnet haette?
Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen,
Auf Euern Wink nur beide warteten?--
Ihr schweigt?

Nathan. Ihr ueberrascht mich, junger Ritter.

Tempelherr.
Ich ueberrasch Euch?--ueberrasch Euch, Nathan,
Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr
Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?--
Ich ueberrasch Euch?

Nathan. Eh' ich einmal weiss,
Was fuer ein Stauffen Euer Vater denn
Gewesen ist!

Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was?
In diesem Augenblicke fuehlt Ihr nichts
Als Neubegier?

Nathan. Denn seht! Ich habe selbst
Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,
Der Conrad hiess.

Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn
Nun ebenso geheissen haette?

Nathan. Wahrlich?

Tempelherr.
Ich heisse selber ja nach meinem Vater: Curd
Ist Conrad.

Nathan. Nun--so war mein Conrad doch
Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermaehlt.

Tempelherr.
O darum!

Nathan. Wie?

Tempelherr. O darum koennt' er doch
Mein Vater wohl gewesen sein.

Nathan. Ihr scherzt.

Tempelherr.
Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was waer's
Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!
Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch
Entlasst mich immer meiner Ahnenprobe.
Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
In Euern Stammbaum setzte. Gott behuete!
Ihr koennt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
Hinauf belegen. Und von da so weiter,
Weiss ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwoeren.

Nathan.
Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug
Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja
Nur bei dem Worte nicht den Augenblick
So fassen.--Weiter nichts.

Tempelherr. Gewiss?--Nichts weiter?
O so vergebt!...

Nathan. Nun kommt nur, kommt!

Tempelherr. Wohin?
Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!--
Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!--
Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
Schon viel zu viel...

Nathan. Ich will mich moeglichst eilen.



Zehnter Auftritt

Der Tempelherr und bald darauf Daja.


Tempelherr.
Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn fasst so
Unendlich viel; und ist doch manchmal auch
So ploetzlich voll! von einer Kleinigkeit
So ploetzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei
Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld!
Die Seele wirkt den auf gedunsnen Stoff
Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht
Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn
Zum ersten Male?--Oder war, was ich
Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe
Nur was ich itzt empfinde?...

Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen).
Ritter! Ritter!

Tempelherr.
Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr?

Daja. Ich habe mich
Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch
Koennt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt
Doch naeher zu mir, hinter diesen Baum.

Tempelherr.
Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's?

Daja.
Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was
Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.
Das eine weiss nur ich; das andre wisst
Nur Ihr.--Wie waer' es, wenn wir tauschten?
Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch
Das meine.

Tempelherr. Mit Vergnuegen.--Wenn ich nur
Erst weiss, was Ihr fuer meines achtet. Doch
Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt
Nur immer an.

Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter.
Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein
Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn
Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur
Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt
Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann
Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid
Ihr los.--Doch armer Ritter!--Dass Ihr Maenner
Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben
Zu koennen, auch nur glaubt!

Tempelherr. Das wir zu haben
Oft selbst nicht wissen.

Daja. Kann wohl sein. Drum muss
Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt
Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt--
Was hiess denn das, dass Ihr so Knall und Fall
Euch aus dem Staube machtet? dass Ihr uns
So sitzenliesset?--dass Ihr nun mit Nathan
Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig
Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?--
So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels,
Der an der Rute klebt, Geflattre mich
Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich,
Dass Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und
Ich sag Euch was...

Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr
Versteht Euch trefflich drauf.

Daja. Nun gebt mir nur
Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch
Erlassen.

Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?--
Ein Tempelherr ein Judenmaedchen lieben!...

Daja.
Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch
Zuweilen ist des Sinns in einer Sache
Auch mehr, als wir vermuten; und es waere
So unerhoert doch nicht, dass uns der Heiland
Auf Wegen zu sich zoege, die der Kluge
Von selbst nicht leicht betreten wuerde.

Tempelherr. Das
So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands
Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht
Mich neubegieriger, als ich wohl sonst
Zu sein gewohnt bin.

Daja. Oh! das ist das Land
Der Wunder!

Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann
Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt
Draengt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja,
Nehmt fuer gestanden an, was Ihr verlangt:
Dass ich sie liebe; dass ich nicht begreife,
Wie ohne sie ich leben werde; dass...

Daja.
Gewiss? gewiss?--So schwoert mir, Ritter, sie
Zur Eurigen zu machen; sie zu retten:
Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

Tempelherr.
Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwoeren, was
In meiner Macht nicht steht?

Daja. In Eurer Macht
Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort
In Eure Macht.

Tempelherr. Dass selbst der Vater nichts
Dawider haette?

Daja. Ei, was Vater! Vater!
Der Vater soll schon muessen.

Tempelherr. Muessen, Daja?--
Noch ist er unter Raeuber nicht gefallen.
Er muss nicht muessen.

Daja. Nun, so muss er wollen;
Muss gern am Ende wollen.

Tempelherr. Muss und gern!--
Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, dass
Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen
Bereits versucht?

Daja. Was? und er fiel nicht ein?

Tempelherr.
Er fiel mit einem Misslaut ein, der mich--
Beleidigte.

Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr haettet
Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha
Ihm blicken lassen: und er waer' vor Freuden
Nicht aufgesprungen? haette frostig sich
Zurueckgezogen? haette Schwierigkeiten
Gemacht?

Tempelherr. So ungefaehr.

Daja. So will ich denn
Mich laenger keinen Augenblick bedenken.

(Pause.)

Tempelherr.
Und Ihr bedenkt Euch doch?

Daja. Der Mann ist sonst
So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!--
Dass er doch gar nicht hoeren will!--Gott weiss,
Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

Tempelherr.
Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut
Aus dieser Ungewissheit. Seid Ihr aber
Noch selber ungewiss; ob, was Ihr vorhabt,
Gut oder boese, schaendlich oder loeblich
Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, dass
Ihr etwas zu verschweigen habt.

Daja. Das spornt,
Anstatt zu halten. Nun; so wisst denn: Recha
Ist keine Juedin; ist--ist eine Christin.

Tempelherr (kalt).
So? Wuensch Euch Glueck! Hat's schwer gehalten? Lasst
Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja
Mit Eifer fort, den Himmel zu bevoelkern:
Wenn Ihr die Erde nicht mehr koennt!

Daja. Wie, Ritter?
Verdienet meine Nachricht diesen Spott?
Dass Recha eine Christin ist: das freuet
Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,
Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

Tempelherr. Besonders, da
Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

Daja.
Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein!
Den will ich sehn, der die bekehren soll!
Ihr Glueck ist, laengst zu sein, was sie zu werden
Verdorben ist.

Tempelherr. Erklaert Euch, oder--geht!

Daja.
Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern
Geboren; ist getauft...

Tempelherr (hastig). Und Nathan?

Daja. Nicht
Ihr Vater!

Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wisst
Ihr, was Ihr sagt?

Daja. Die Wahrheit, die so oft
Mich blut'ge Traenen weinen machen.--Nein,
Er ist ihr Vater nicht...

Tempelherr. Und haette sie
Als seine Tochter nur erzogen? haette
Das Christenkind als eine Juedin sich
Erzogen?

Daja. Ganz gewiss.

Tempelherr. Sie wuesste nicht,
Was sie geboren sei?--Sie haett' es nie
Von ihm erfahren, dass sie eine Christin
Geboren sei, und keine Juedin?

Daja. Nie!

Tempelherr.
Er haett' in diesem Wahne nicht das Kind
Bloss auferzogen? liess das Maedchen noch
In diesem Wahne?

Daja. Leider!

Tempelherr. Nathan--Wie?
Der weise gute Nathan haette sich
Erlaubt, die Stimme der Natur so zu
Verfaelschen?--Die Ergiessung eines Herzens
So zu verrenken, die, sich selbst gelassen,
Ganz andre Wege nehmen wuerde?--Daja,
Ihr habt mir allerdings etwas vertraut--
Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,--
Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht weiss,
Was mir zu tun.--Drum lasst mir Zeit.--Drum geht!
Er koemmt hier wiederum vorbei. Er moecht'
Uns ueberfallen. Geht!

Daja. Ich waer' des Todes!

Tempelherr.
Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar
Nicht faehig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt
Ihm nur, dass wir einander bei dem Sultan
Schon finden wuerden.

Daja. Aber lasst Euch ja
Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so
Den letzten Druck dem Dinge geben; soll
Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur
Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach
Europa fuehrt: so lasst Ihr doch mich nicht
Zurueck?

Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht!





Vierter Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: in den Kreuzgaengen des Klosters.)

Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.


Klosterbruder.
Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch!
Es hat mir freilich noch von alledem
Nicht viel gelingen wollen, was er mir
So aufgetragen.--Warum traegt er mir
Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag
Nicht fein sein; mag nicht ueberreden; mag
Mein Naeschen nicht in alles stecken; mag
Mein Haendchen nicht in allem haben.--Bin
Ich darum aus der Welt geschieden, ich
Fuer mich; um mich fuer andre mit der Welt
Noch erst recht zu verwickeln?

Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend).
Guter Bruder!
Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon
Gesucht.

Klosterbruder. Mich, Herr?

Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr?

Klosterbruder.
Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn
In meinem Leben wieder nie zu sehn
Bekommen wuerde. Denn ich hofft' es zu
Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der weiss,
Wie sauer mir der Antrag ward, den ich
Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiss,
Ob ich gewuenscht, ein offnes Ohr bei Euch
Zu finden; weiss, wie sehr ich mich gefreut,
Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund
Das alles, ohne viel Bedenken, von
Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.--
Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!

Tempelherr.
Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum
Weiss ich es selbst.

Klosterbruder. Ihr habt's nun ueberlegt;
Habt nun gefunden, dass der Patriarch
So unrecht doch nicht hat; dass Ehr' und Geld
Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass
Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel
Auch siebenmal gewesen waere. Das,
Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,
Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott!

Tempelherr.
Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
Deswegen komm ich nicht; deswegen will
Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
Noch denk ich ueber jenen Punkt, wie ich
Gedacht, und wollt' um alles in der Welt
Die gute Meinung nicht verlieren, deren
Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
Einmal gewuerdiget.--Ich komme bloss,
Den Patriarchen ueber eine Sache
Um Rat zu fragen...

Klosterbruder. Ihr den Patriarchen?
Ein Ritter, einen--Pfaffen?
(Sich schuechtern umsehend.)

Tempelherr. Ja;--die Sach'
Ist ziemlich pfaeffisch.

Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe
Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
So ritterlich.

Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat,
Sich zu vergehn; das unsereiner ihm
Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur
Fuer mich zu handeln haette; freilich, wenn
Ich Rechenschaft nur mir zu geben haette:
Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber
Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
Nach andrer Willen, machen; als allein
Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl,
Religion ist auch Partei; und wer
Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,
Haelt, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner
Die Stange. Weil das einmal nun so ist:
Wird's so wohl recht sein.

Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber.
Denn ich versteh den Herrn nicht recht.

Tempelherr. Und doch!--
(Lass sehn, warum mir eigentlich zu tun!
Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder
Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank
Euch fuer den guten Wink.--Was Patriarch?--
Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch
Den Christen mehr im Patriarchen, als
Den Patriarchen in dem Christen fragen.--
Die Sach' ist die...

Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter!
Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel weiss,
Hat viel zu sorgen; und ich habe ja
Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut!
Hoert! seht! Dort koemmt, zu meinem Glueck, er selbst.
Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.



Zweiter Auftritt

Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang
heraufkommt, und die Vorigen.


Tempelherr.
Ich wich' ihm lieber aus.--Waer' nicht mein Mann!
Ein dicker, roter, freundlicher Praelat!
Und welcher Prunk!

Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn
Nach Hofe sich erheben. Itzo koemmt
Er nur von einem Kranken.

Tempelherr. Wie sich da
Nicht Saladin wird schaemen muessen!

Patriarch (indem er naeherkommt, winkt dem Bruder). Hier!--
Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will
Er?

Klosterbruder. Weiss nicht.

Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge
zuruecktreten).
Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut,
Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch
So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus
Kann etwas werden.

Tempelherr. Mehr, ehrwuerd'ger Herr,
Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch,
Was weniger.

Patriarch. Ich wuensche wenigstens,
Dass so ein frommer Ritter lange noch
Der lieben Christenheit, der Sache Gottes
Zu Ehr' und Frommen bluehn und gruenen moege!
Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein
Die junge Tapferkeit dem reifen Rate
Des Alters folgen will!--Womit waer' sonst
Dem Herrn zu dienen?

Tempelherr. Mit dem naemlichen,
Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.

Patriarch.
Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen.

Tempelherr.
Doch blindlings nicht?

Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich
Muss niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,
Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin-
Gehoert.--Gehoert sie aber ueberall
Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott
Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen,
Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel
Bekannt zu machen wuerdiget, das Wohl
Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche,
Auf irgendeine ganz besondre Weise
Zu foerdern, zu befestigen: wer darf
Sich da noch unterstehn, die Willkuer des,
Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft
Zu untersuchen? und das ewige
Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach
Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre
Zu pruefen?--Doch hiervon genug.--Was ist
Es denn, worueber unsern Rat fuer itzt
Der Herr verlangt?

Tempelherr. Gesetzt, ehrwuerd'ger Vater,
Ein Jude haett' ein einzig Kind,--es sei
Ein Maedchen,--das er mit der groessten Sorgfalt
Zu allem Guten auferzogen, das
Er liebe mehr als seine Seele, das
Ihn wieder mit der froemmsten Liebe liebe.
Und nun wuerd' unsereinem hinterbracht,
Dies Maedchen sei des Juden Tochter nicht;
Er hab' es in der Kindheit aufgelesen,
Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse,
Das Maedchen sei ein Christenkind, und sei
Getauft; der Jude hab' es nur als Juedin
Erzogen; lass' es nur als Juedin und
Als seine Tochter so verharren:--sagt,
Ehrwuerd'ger Vater, was waer' hierbei wohl
Zu tun?

Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst
Erklaere sich der Herr, ob so ein Fall
Ein Faktum oder eine Hypothes'.
Das ist zu sagen: ob der Herr sich das
Nur bloss so dichtet, oder ob's geschehn,
Und fortfaehrt zu geschehn.

Tempelherr. Ich, glaubte, das
Sei eins, um Euer Hochehrwuerden Meinung
Bloss zu vernehmen.

Patriarch. Eins?--Da seh' der Herr
Wie sich die stolze menschliche Vernunft
Im Geistlichen doch irren kann.--Mitnichten!
Denn ist der vorgetragne Fall nur so
Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich
Der Muehe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.
Ich will den Herrn damit auf das Theater
Verwiesen haben, wo dergleichen pro
Et contra sich mit vielem Beifall koennte
Behandeln lassen.--Hat der Herr mich aber
Nicht bloss mit einer theatral'schen Schnurre
Zum besten; ist der Fall ein Faktum; haett'
Er sich wohl gar in unsrer Dioezes',
In unsrer lieben Stadt Jerusalem
Ereignet:--ja alsdann--

Tempelherr. Und was alsdann?

Patriarch.
Dann waere an dem Juden foerdersamst
Die Strafe zu vollziehn, die paepstliches
Und kaiserliches Recht so einem Frevel,
So einer Lastertat bestimmen.

Tempelherr. So?

Patriarch.
Und zwar bestimmen obbesagte Rechte
Dem Juden, welcher einen Christen zur
Apostasie verfuehrt,--den Scheiterhaufen,
Den Holzstoss--

Tempelherr. So?

Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden,
Der mit Gewalt ein armes Christenkind
Dem Bunde seiner Tauf' entreisst! Denn ist
Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?--
Zu sagen:--ausgenommen, was die Kirch'
An Kindern tut.

Tempelherr. Wenn aber nun das Kind,
Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
Vielleicht im Elend umgekommen waere?

Patriarch.
Tut nichts! der Jude wird verbrannt!--Denn besser,
Es waere hier im Elend umgekommen,
Als dass zu seinem ewigen Verderben
Es so gerettet ward.--Zudem, was hat
Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott
Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten.

Tempelherr.
Auch trotz ihm, sollt' ich meinen,--selig machen.

Patriarch.
Tut nichts! der Jude wird verbrannt.

Tempelherr. Das geht
Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe
Das Maedchen nicht sowohl in seinem, als
Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger
Gelehrt, als der Vernunft genuegt.

Patriarch. Tut nichts!
Der Jude wird verbrannt... Ja, waer' allein
Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt
Zu werden!--Was? ein Kind ohn' allen Glauben
Erwachsen lassen?--Wie? die grosse Pflicht,
Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?
Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,
Euch selbst...

Tempelherr. Ehrwuerd'ger Herr, das uebrige,
Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.)

Patriarch. Was? mir nun
Nicht einmal Rede stehn?--Den Boesewicht,
Den Juden mir nicht nennen?--mir ihn nicht
Zur Stelle schaffen?--O da weiss ich Rat!
Ich geh sogleich zum Sultan.--Saladin,
Vermoege der Kapitulation,
Die er beschworen, muss uns, muss uns schuetzen;
Bei allen Rechten, allen Lehren schuetzen,
Die wir zu unsrer Allerheiligsten
Religion nur immer rechnen duerfen!
Gottlob! wir haben das Original.
Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!--
Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie
Gefaehrlich selber fuer den Staat es ist,
Nichts glauben! Alle buergerliche Bande
Sind aufgeloeset, sind zerrissen, wenn
Der Mensch nichts glauben darf.--Hinweg! hinweg
Mit solchem Frevel!...

Tempelherr. Schade, dass ich nicht
Den trefflichen Sermon mit bessrer Musse
Geniessen kann! Ich bin zum Saladin
Gerufen.

Patriarch. Ja?--Nun so--Nun freilich--Dann--

Tempelherr.
Ich will den Sultan vorbereiten, wenn
Es Eurer Hochehrwuerden so gefaellt.

Patriarch.
Oh, oh!--Ich weiss, der Herr hat Gnade funden
Vor Saladin!--Ich bitte meiner nur
Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.--
Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.
Was ich zuviel tu, tu ich ihm.--Das wolle
Doch ja der Herr erwaegen!--Und nicht wahr,
Herr Ritter? das vorhin Erwaehnte von
Dem Juden, war nur ein Problema?--ist
Zu sagen--

Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.)

Patriarch. (Dem ich tiefer
Doch auf den Grund zu kommen suchen muss.
Das waer' so wiederum ein Auftrag fuer
Den Bruder Bonafides.)--Hier, mein Sohn!

(Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.)



Dritter Auftritt

(Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven
eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinandergestellt
werden.)

Saladin und bald darauf Sittah.


Saladin (der dazukoemmt).
Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.--Ist
Des Dings noch viel zurueck?

Ein Sklave. Wohl noch die Haelfte.

Saladin.
So tragt das uebrige zu Sittah.--Und
Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich
Al-Hafi zu sich nehmen.--Oder ob
Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier
Faellt mir es doch nur durch die Finger.--Zwar
Man wird wohl endlich hart; und nun gewiss
Soll's Kuenste kosten, mir viel abzuzwacken.
Bis wenigstens die Gelder aus Aegypten
Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn,
Wie's fertig wird!--Die Spenden bei dem Grabe,
Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger
Mit leeren Haenden nur nicht abziehn duerfen!
Wenn nur--

Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld
Bei mir?

Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg
Auf Vorrat, wenn was uebrigbleibt.

Sittah. Ist Nathan
Noch mit dem Tempelherrn nicht da?

Saladin. Er sucht
Ihn aller Orten.

Sittah. Sieh doch, was ich hier,
Indem mir so mein alt Geschmeide durch
Die Haende geht, gefunden.

(Ihm ein klein Gemaelde zeigend.)

Saladin. Ha! mein Bruder!
Das ist er, ist er!--War er! war er! ah!--
Ah wackrer lieber Junge, dass ich dich
So frueh verlor! Was haett' ich erst mit dir,
An deiner Seit' erst unternommen!--Sittah,
Lass mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab
Es deiner aeltern Schwester, seiner Lilla,
Die eines Morgens ihn so ganz und gar
Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war
Der letzte, den er ausritt.--Ah, ich liess
Ihn reiten, und allein!--Ah, Lilla starb
Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, dass
Ich so allein ihn reiten lassen.--Er
Blieb weg!

Sittah. Der arme Bruder!

Saladin. Lass nur gut
Sein!--Einmal bleiben wir doch alle weg!--
Zudem,--wer weiss? Der Tod ist's nicht allein,
Der einem Juengling seiner Art das Ziel
Verrueckt. Er hat der Feinde mehr; und oft
Erliegt der Staerkste gleich dem Schwaechsten.--Nun,
Sei wie ihm sei!--Ich muss das Bild doch mit
Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muss
Doch sehn, wieviel mich meine Phantasie
Getaeuscht.

Sittah. Nur darum bring ich's. Aber gib
Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das
Versteht ein weiblich Aug' am besten.

Saladin (zu einem Tuersteher, der hereintritt).
Wer
Ist da?--der Tempelherr?--Er komm'!

Sittah. Euch nicht
Zu stoeren: ihn mit meiner Neugier nicht
Zu irren--
(Sie setzt sich seitwaerts auf einen Sofa und laesst den Schleier fallen.)

Saladin. Gut so! gut!--(Und nun sein Ton!
Wie der wohl sein wird!--Assads Ton
Schlaeft auch wohl wo in meiner Seele noch!)



Vierter Auftritt

Der Tempelherr und Saladin.


Tempelherr.
Ich, dein Gefangner, Sultan...

Saladin. Mein Gefangner?
Wem ich das Leben schenke, werd ich dem
Nicht auch die Freiheit schenken?

Tempelherr. Was dir ziemt
Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht
Vorauszusetzen. Aber, Sultan,--Dank,
Besondern Dank dir fuer mein Leben zu
Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem
Charakter nicht.--Es steht in allen Faellen
Zu deinen Diensten wieder.

Saladin. Brauch es nur
Nicht wider mich!--Zwar ein paar Haende mehr,
Die goennt' ich meinem Feinde gern. Allein
Ihm so ein Herz auch mehr zu goennen, faellt
Mir schwer.--Ich habe mich mit dir in nichts
Betrogen, braver junger Mann! Du bist
Mit Seel' und Leib mein Assad. Sieh! ich koennte
Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit
Gesteckt? in welcher Hoehle du geschlafen?
In welchem Ginnistan, von welcher guten
Div diese Blume fort und fort so frisch
Erhalten worden? Sich! ich koennte dich
Erinnern wollen, was wir dort und dort
Zusammen ausgefuehrt. Ich koennte mit
Dir zanken, dass du ein Geheimnis doch
Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir
Doch unterschlagen:--Ja das koennt' ich; wenn
Ich dich nur saeh', und nicht auch mich.--Nun, mag's!
Von dieser suessen Traeumerei ist immer
Doch so viel wahr, dass mir in meinem Herbst
Ein Assad wieder bluehen soll.--Du bist
Es doch zufrieden, Ritter?

Tempelherr. Alles, was
Von dir mir koemmt,--sei was es will--das lag
Als Wunsch in meiner Seele.

Saladin. Lass uns das
Sogleich versuchen.--Bliebst du wohl bei mir?
Um mir?--Als Christ, als Muselmann: gleichviel!
Im weissen Mantel, oder Jamerlonk;
Im Tulban, oder deinem Filze: wie
Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,
Dass allen Baeumen eine Rinde wachse.

Tempelherr.
Sonst waerst du wohl auch schwerlich, der du bist:
Der Held, der lieber Gottes Gaertner waere.

Saladin.
Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst:
So waeren wir ja halb schon richtig?

Tempelherr Ganz!

Saladin (ihm die Hand bietend).
Ein Wort?

Tempelherr (einschlagend).
Ein Mann!--Hiermit empfange mehr
Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!

Saladin.
Zuviel Gewinn fuer einen Tag! zuviel!
Kam er nicht mit?

Tempelherr. Wer?

Saladin. Nathan.

Tempelherr (frostig). Nein. Ich kam
Allein.

Saladin. Welch eine Tat von dir! Und welch
Ein weises Glueck, dass eine solche Tat
Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.

Tempelherr.
Ja, ja!

Saladin. So kalt?--Nein, junger Mann! wenn Gott
Was Gutes durch uns tut, muss man so kalt
Nicht sein!--selbst aus Bescheidenheit so kalt
Nicht scheinen wollen!

Tempelherr. Dass doch in der Welt
Ein jedes Ding so manche Seiten hat!--
Von denen oft sich gar nicht denken laesst,
Wie sie zusammenpassen!

Saladin. Halte dich
Nur immer an die best', und preise Gott!
Der weiss, wie sie zusammenpassen.--Aber,
Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann:
So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut
Mich mit dir halten muessen? Leider bin
Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die
Oft nicht so recht zu passen scheinen moegen.

Tempelherr.
Das schmerzt!--Denn Argwohn ist so wenig sonst
Mein Fehler--

Saladin. Nun, so sage doch, mit wem
Du's hast?--Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?
Auf Nathan Argwohn? du?--Erklaer dich! sprich!
Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.

Tempelherr.
Ich habe wider Nathan nichts. Ich zuern
Allein mit mir--

Saladin. Und ueber was?

Tempelherr. Dass mir
Getraeumt, ein Jude koenn' auch wohl ein Jude
Zu sein verlernen; dass mir wachend so
Getraeumt.

Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume!

Tempelherr.
Du weisst von Nathans Tochter, Sultan. Was
Ich fuer sie tat, das tat ich,--weil ich's tat.
Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn
Nicht saeete, verschmaeht' ich Tag fuer Tag,
Das Maedchen noch einmal zu sehn. Der Vater
War fern; er koemmt; er hoert; er sucht mich auf;
Er dankt; er wuenscht, dass seine Tochter mir
Gefallen moege; spricht von Aussicht, spricht
Von heitern Fernen.--Nun, ich lasse mich
Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich
Ein Maedchen... Ah, ich muss mich schaemen, Sultan!--

Saladin.
Dich schaemen?--dass ein Judenmaedchen auf
Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?

Tempelherr.
Dass diesem Eindruck, auf das liebliche
Geschwaetz des Vaters hin, mein rasches Herz
So wenig Widerstand entgegensetzte!--
Ich Tropf! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer.
Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmaeht.

Saladin.
Verschmaeht?

Tempelherr. Der weise Vater schlaegt nun wohl
Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater
Muss aber doch sich erst erkunden, erst
Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das
Nicht auch? Erkundete, besann ich denn
Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie?--
Fuerwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schoenes,
So weise, so bedaechtig sein!

Saladin. Nun, nun!
So sieh doch einem Alten etwas nach!
Wie lange koennen seine Weigerungen
Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,
Dass du erst Jude werden sollst?

Tempelherr. Wer weiss!

Saladin.
Wer weiss?--der diesen Nathan besser kennt.

Tempelherr.
Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht ueber uns.--Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

Saladin.
Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan...

Tempelherr.
Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
Fuer den ertraeglichern zu halten...

Saladin. Mag
Wohl sein! Doch Nathan...,

Tempelherr. Dem allein
Die bloede Menschheit zu vertrauen, bis
Sie hellern Wahrheitstag gewoehne; dem
Allein...

Saladin. Gut! Aber Nathan!--Nathans Los
Ist diese Schwachheit nicht.

Tempelherr. So dacht' ich auch! ...
Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen
So ein gemeiner Jude waere, dass
Er Christenkinder zu bekommen suche,
Um sie als Juden aufzuziehn:--wie dann?

Saladin.
Wer sagt ihm so was nach?

Tempelherr. Das Maedchen selbst,
Mit welcher er mich koernt, mit deren Hoffnung
Er gern mir zu bezahlen schiene, was
Ich nicht umsonst fuer sie getan soll haben:--
Dies Maedchen selbst ist seine Tochter--nicht;
Ist ein verzettelt Christenkind.

Saladin. Das er
Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?

Tempelherr (heftig).
Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.
Der tolerante Schwaetzer ist entdeckt!
Ich werde hinter diesen jued'schen Wolf
Im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon
Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!

Saladin (ernst).
Sei ruhig, Christ!

Tempelherr. Was? ruhig Christ?--Wenn Jud'
Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann
Bestehen: soll allein der Christ den Christen
Nicht machen duerfen?

Saladin (noch ernster). Ruhig, Christ!

Tempelherr (gelassen). Ich fuehle
Des Vorwurfs ganze Last,--die Saladin
In diese Silbe presst! Ah, wenn ich wuesste,
Wie Assad,--Assad sich an meiner Stelle
Hierbei genommen haette!

Saladin. Nicht viel besser!--
Vermutlich ganz so brausend!--Doch, wer hat
Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er
Mit einem Worte zu bestechen? Freilich
Wenn alles sich verhaelt, wie du mir sagest:
Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.--
Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde
Muss keiner mit dem andern hadern.--Lass
Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht
Sofort den Schwaermern deines Poebels preis!
Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm
Zu raechen, mir so nahe legen wuerde!
Sei keinem Juden, keinem Muselmanne
Zum Trotz ein Christ!

Tempelherr. Bald waer's damit zu spaet!
Doch dank der Blutbegier des Patriarchen,
Des Werkzeug mir zu werden graute!

Saladin. Wie?
Du kamst zum Patriarchen eher, als
Zu mir?

Tempelherr. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel
Der Unentschlossenheit!--Verzeih!--Du wirst
Von deinem Assad, fuercht ich, ferner nun
Nichts mehr in mir erkennen wollen.

Saladin. Waer'
Es diese Furcht nicht selbst! Mich duenkt, ich weiss,
Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.
Pfleg diese ferner nur, und jene sollen
Bei mir dir wenig schaden.--Aber geh!
Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;
Und bring ihn her. Ich muss euch doch zusammen
Verstaendigen.--Waer' um das Maedchen dir
Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!
Auch soll es Nathan schon empfinden, dass
Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind
Erziehen duerfen!--Geh!

(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verlaesst den Sofa.)



Fuenfter Auftritt

Saladin und Sittah.


Sittah. Ganz sonderbar!

Saladin.
Gelt, Sittah? Muss mein Assad nicht ein braver,
Ein schoener junger Mann gewesen sein?

Sittah.
Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde
Der Tempelherr vielmehr gesessen!--Aber
Wie hast du doch vergessen koennen dich
Nach seinen Eltern zu erkundigen?

Saladin.
Und insbesondre wohl nach seiner Mutter?
Ob seine Mutter hierzulande nie
Gewesen sei?--Nicht wahr?

Sittah. Das machst du gut!

Saladin.
Oh, moeglicher waer' nichts! Denn Assad war
Bei huebschen Christendamen so willkommen,
Auf huebsche Christendamen so erpicht,
Dass einmal gar die Rede ging--Nun, nun;
Man spricht nicht gern davon.--Genug; ich hab
Ihn wieder!--will mit allen seinen Fehlern,
Mit allen Launen seines weichen Herzens
Ihn wieder haben!--Oh! das Maedchen muss
Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?

Sittah. Ihm geben?
Ihm lassen!

Saladin. Allerdings! Was haette Nathan,
Sobald er nicht ihr Vater ist, fuer Recht
Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,
Tritt einzig in die Rechte des, der ihr
Es gab.

Sittah. Wie also, Saladin? wenn du
Nur gleich das Maedchen zu dir naehmst? Sie nur
Dem unrechtmaessigen Besitzer gleich
Entzoegest?

Saladin. Taete das wohl not?

Sittah. Not nun
Wohl eben nicht!--Die liebe Neubegier
Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.
Denn von gewissen Maennern mag ich gar
Zu gern, so bald wie moeglich, wissen, was
Sie fuer ein Maedchen lieben koennen.

Saladin. Nun,
So schick und lass sie holen.

Sittah. Darf ich, Bruder?

Saladin.
Nur schone Nathans! Nathan muss durchaus
Nicht glauben, dass man mit Gewalt ihn von
Ihr trennen wolle.

Sittah. Sorge nicht.

Saladin. Und ich,
Ich muss schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.



Sechster Auftritt

(Szene: die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im
ersten Auftritte des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und
Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird.)


Nathan und Daja.

Daja. Oh, alles herrlich! alles auserlesen!
Oh, alles--wie nur Ihr es geben koennt.
Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken
Gemacht? Was kostet er?--Das nenn ich noch
Ein Brautkleid! Keine Koenigin verlangt
Es besser.

Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben?

Daja.
Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,
Als Ihr ihn kauftet.--Aber wahrlich, Nathan,
Der und kein andrer muss es sein! Er ist
Zum Brautkleid wie bestellt. Der weisse Grund;
Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Stroeme,
Die allerorten diesen Grund durchschlaengeln;
Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!

Nathan.
Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid
Sinnbilderst du mir so gelehrt?--Bist du
Denn Braut?

Daja. Ich?

Nathan. Nun wer denn?

Daja. Ich?--lieber Gott!

Nathan.
Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn?
Das alles ist ja dein, und keiner andern.

Daja.
Ist mein? Soll mein sein?--Ist fuer Recha nicht?

Nathan.
Was ich fuer Recha mitgebracht, das liegt
In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!
Trag deine Siebensachen fort!

Daja. Versucher!
Nein, waeren es die Kostbarkeiten auch
Der ganzen Welt! Nicht ruehr an! wenn Ihr mir
Vorher nicht schwoert, von dieser einzigen
Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel
Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.

Nathan.
Gebrauch? von was?--Gelegenheit? wozu?

Daja.
O stellt Euch nicht so fremd!--Mit kurzen Worten!
Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm,
So hat doch einmal Eure Suende, die
Ich laenger nicht verschweigen kann, ein Ende.
So koemmt das Maedchen wieder unter Christen;
Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was
Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,
Was wir Euch nicht genug verdanken koennen,
Nicht Feuerkohlen bloss auf Euer Haupt
Gesammelt.

Nathan. Doch die alte Leier wieder?--
Mit einer neuen Saite nur bezogen,
Die, fuercht ich, weder stimmt noch haelt.

Daja. Wieso?

Nathan.
Mir waer' der Tempelherr schon recht. Ihm goennt'
Ich Recha mehr als einem in der Welt.
Allein... Nun, habe nur Geduld.

Daja. Geduld?
Geduld ist Eure alte Leier nun
Wohl nicht?

Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld! ...
Sieh doch!--Wer koemmt denn dort?
Ein Klosterbruder?
Geh, frag ihn was er will.

Daja. Was wird er wollen?

(Sie geht auf ihn zu und fragt.)

Nathan.
So gib!--und eh' er bittet.--(Wuesst' ich nur
Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne
Die Ursach' meiner Neugier ihm zu sagen!
Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht
Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst
Den Vater auf das Spiel gesetzt.)--Was ist's?

Daja.
Er will Euch sprechen.

Nathan. Nun, so lass ihn kommen;
Und geh indes.



Siebenter Auftritt

Nathan und der Klosterbruder.


Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater
Doch gar zu gern!--Zwar kann ich's denn nicht bleiben,
Auch wenn ich aufhoer, es zu heissen?--Ihr,
Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heissen,
Wenn sie erkennt, wie gern ich's waere.)--Geh!--
Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder?

Klosterbruder.
Nicht eben viel.--Ich freue mich, Herr Nathan,
Euch annoch wohl zu sehn.

Nathan. So kennt Ihr mich?

Klosterbruder.
Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem
Ja Euern Namen in die Hand gedrueckt.
Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.

Nathan (nach seinem Beutel langend).
Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf.

Klosterbruder. Habt Dank!
Ich wuerd' es Aermern stehlen; nehme nichts.--
Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig
Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn
Ich kann mich ruehmen, auch in Eure Hand
Etwas gelegt zu haben, was nicht zu
Verachten war.

Nathan. Verzeiht!--Ich schaeme mich--
Sagt, was?--und nehmt zur Busse siebenfach
Den Wert desselben von mir an.

Klosterbruder. Hoert doch
Vor allen Dingen, wie ich selber nur
Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand
Erinnert worden.

Nathan. Mir vertrautes Pfand?

Klosterbruder.
Vor kurzem sass ich noch als Eremit
Auf Quarantana, unweit Jericho.
Da kam arabisch Raubgesindel, brach
Mein Gotteshaeuschen ab und meine Zelle
Und schleppte mich mit fort. Zum Glueck entkam
Ich noch und floh hierher zum Patriarchen,
Um mir ein ander Plaetzchen auszubitten,
Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit
Bis an mein selig Ende dienen koenne.

Nathan.
Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht
Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!

Klosterbruder.
Sogleich, Herr Nathan.--Nun, der Patriarch
Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,
Sobald als eine leer; und hiess inzwischen
Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.
Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange
Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn
Der Patriarch braucht mich zu allerlei,
Wovor ich grossen Ekel habe. Zum
Exempel:

Nathan. Macht, ich bitt Euch!

Klosterbruder. Nun, es koemmt!--
Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:
Es lebe hier herum ein Jude, der
Ein Christenkind als seine Tochter sich
Erzoege.

Nathan. Wie? (Betroffen.)

Klosterbruder. Hoert mich nur aus!--Indem
Er mir nun auftraegt, diesem Juden stracks,
Wo moeglich, auf die Spur zu kommen, und
Gewaltig sich ob eines solchen Frevels
Erzuernt, der ihm die wahre Suende wider
Den heil'gen Geist beduenkt;--das ist, die Suende,
Die aller Suenden groesste Suend' uns gilt,
Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,
Worin sie eigentlich besteht:--da wacht
Mit einmal mein Gewissen auf; und mir
Faellt bei, ich koennte selber wohl vor Zeiten
Zu dieser unverzeihlich grossen Suende
Gelegenheit gegeben haben.--Sagt:
Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren
Ein Toechterchen gebracht von wenig Wochen?

Nathan.
Wie das?--Nun freilich--allerdings--

Klosterbruder. Ei, seht
Mich doch recht an!--Der Reitknecht, der bin ich.

Nathan.
Seid ihr?

Klosterbruder. Der Herr, von welchem ich's Euch brachte,
War--ist mir recht--ein Herr von Filnek.--Wolf
Von Filnek!

Nathan. Richtig!

Klosterbruder. Weil die Mutter kurz
Vorher gestorben war; und sich der Vater
Nach--mein ich--Gazza ploetzlich werfen musste,
Wohin das Wuermchen ihm nicht folgen konnte:
So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit
Nicht in Darun?

Nathan. Ganz recht!

Klosterbruder. Es waer' kein Wunder,
Wenn mein Gedaechtnis mich betroeg'. Ich habe
Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem
Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.
Er blieb bald drauf bei Askalon: und war
Wohl sonst ein lieber Herr.

Nathan. Ja wohl! Ja wohl!
Dem ich so viel, so viel zu danken habe!
Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!

Klosterbruder.
O schoen! So werd't Ihr seines Toechterchens
Euch um so lieber angenommen haben.

Nathan.
Das koennt Ihr denken.

Klosterbruder. Nun, wo ist es denn?
Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben?--
Lasst's lieber nicht gestorben sein!--Wenn sonst
Nur niemand um die Sache weiss: so hat
Es gute Wege.

Nathan. Hat es?

Klosterbruder. Traut mir, Nathan!
Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar
So ziemlich zuverlaessig kennen, aber
Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl
Natuerlich; wenn das Christentoechterchen
Recht gut von Euch erzogen werden sollte:
Dass Ihr's als Euer eigen Toechterchen
Erzoegt.--Das haettet Ihr mit aller Lieb'
Und Treue nun getan, und muesstet so
Belohnet werden? Das will mir nicht ein.
Ei freilich, klueger haettet Ihr getan;
Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand
Als Christin auferziehen lassen: aber
So haettet Ihr das Kindchen Eures Freunds
Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
Waer's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,
In solchen Jahren mehr, als Christentum.
Zum Christentume hat's noch immer Zeit.
Wenn nur das Maedchen sonst gesund und fromm
Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
So blieb's vor Gottes Augen, was es war.
Und ist denn nicht das ganze Christentum
Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft
Geaergert, hat mir Traenen g'nug gekostet,
Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
Dass unser Herr ja selbst ein Jude war.

Nathan.
Ihr, guter Bruder, muesst mein Fuersprach sein,
Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich
Erheben sollten,--wegen einer Tat--
Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt
Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab!
Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,
Sie jemand andern zu erzaehlen. Euch
Allein erzaehl ich sie. Der frommen Einfalt
Allein erzaehl ich sie. Weil die allein
Versteht, was sich der gottergebne Mensch
Fuer Taten abgewinnen kann.

Klosterbruder. Ihr seid
Geruehrt, und Euer Auge steht voll Wasser?

Nathan.
Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage
Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst
Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau
Mit sieben hoffnungsvollen Soehnen sich
Befunden, die in meines Bruders Hause,
Zu dem ich sie gefluechtet, insgesamt
Verbrennen muessen.

Klosterbruder. Allgerechter!

Nathan. Als
Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Naecht' in Asch'
Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.--
Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
Gezuernt, getobt, mich und die Welt verwuenscht;
Der Christenheit den unversoehnlichsten
Hass zugeschworen--

Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl!

Nathan.
Doch nun kam die Vernunft allmaehlich wieder.
Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott!
Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!
Komm! uebe, was du laengst begriffen hast,
Was sicherlich zu ueben schwerer nicht,
Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
Willst du nur, dass ich will!--Indem stiegt Ihr
Vom Pferd, und ueberreichtet mir das Kind,
In Euern Mantel eingehuellt.--Was Ihr
Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich
Vergessen. Soviel weiss ich nur; ich nahm
Das Kind, trug's auf mein Lager, kuesst' es, warf
Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
Doch nun schon Eines wieder!

Klosterbruder. Nathan! Nathan!
Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
Ein bessrer Christ war nie!

Nathan. Wohl uns! Denn was
Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
Zum Juden!--Aber lasst uns laenger nicht
Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat!
Und ob mich siebenfache Liebe schon
Bald an dies einz'ge fremde Maedchen band,
Ob der Gedanke mich schon toetet, dass
Ich meine sieben Soehn' in ihr aufs neue
Verlieren soll:--wenn sie von meinen Haenden
Die Vorsicht wieder fodert,--ich gehorche!

Klosterbruder.
Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich
So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
Euch Euer guter Geist schon angeraten!

Nathan.
Nur muss der erste beste mir sie nicht
Entreissen wollen!

Klosterbruder. Nein, gewiss nicht!

Nathan. Wer
Auf sie nicht groessre Rechte hat, als ich,
Muss fruehere zum mind'sten haben--

Klosterbruder. Freilich!

Nathan.
Die ihm Natur und Blut erteilen.

Klosterbruder. So
Mein ich es auch!

Nathan. Drum nennt mir nur geschwind
Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,
Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.--
Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie,
Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde
Zu sein erschaffen und erzogen ward.--
Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn
Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.

Klosterbruder.
Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn
Ihr habt ja schon gehoert, dass ich nur gar
Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.

Nathan. Wisst
Ihr denn nicht wenigstens, was fuer Geschlechts
Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin?

Klosterbruder.
Wohl moeglich!--Ja, mich duenkt.

Nathan. Hiess nicht ihr Bruder
Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr?

Klosterbruder.
Wenn mich's nicht truegt. Doch halt! Da faellt mir ein,
Dass ich vom sel'gen Herrn ein Buechelchen
Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als
Wir ihn bei Askalon verscharrten.

Nathan. Nun?

Klosterbruder.
Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein
Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch
Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht
Ich kann nicht lesen--

Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache.

Klosterbruder.
In diesem Buechelchen stehn vorn und hinten,
Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn
Selbsteigner Hand, die Angehoerigen
Von ihm und ihr geschrieben.

Nathan. O erwuenscht!
Geht! lauft! holt mir das Buechelchen. Geschwind!
Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;
Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!

Klosterbruder. Recht gern!
Es ist Arabisch aber, was der Herr
Hineingeschrieben. (Ab.)

Nathan. Einerlei! Nur her!--
Gott! wenn ich doch das Maedchen noch behalten,
Und einen solchen Eidam mir damit
Erkaufen koennte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall'
Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn
Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
So etwas angebracht? Das muss ich doch
Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar
Von Daja kaeme?



Achter Auftritt

Daja und Nathan.


Daja (eilig und verlegen).
Denkt doch, Nathan!

Nathan. Nun?

Daja.
Das arme Kind erschrak wohl recht darueber!
Da schickt...

Nathan. Der Patriarch?

Daja. Des Sultans Schwester,
Prinzessin Sittah...

Nathan. Nicht der Patriarch?

Daja.
Nein, Sittah!--Hoert Ihr nicht!--Prinzessin Sittah
Schickt her, und laesst sie zu sich holen?

Nathan. Wen?
Laesst Recha holen?--Sittah laesst sie holen?--
Nun; wenn sie Sittah holen laesst, und nicht
Der Patriarch...

Daja. Wie kommt Ihr denn auf den?

Nathan.
So hast du kuerzlich nichts von ihm gehoert?
Gewiss nicht? Auch ihm nichts gesteckt?

Daja. Ich? ihm?

Nathan.
Wo sind die Boten?

Daja. Vorn.

Nathan. Ich will sie doch
Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur
Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.)

Daja.
Und ich--ich fuerchte ganz was anders noch.
Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter
So eines reichen Juden waer' auch wohl
Fuer einen Muselmann nicht uebel?--Hui,
Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich
Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht
Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!--
Getrost! Lass mich den ersten Augenblick,
Den ich allein sie habe, dazu brauchen!
Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn
Ich sie begleite. So ein erster Wink
Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.
Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.)





Fuenfter Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit
Geld getragen worden, die noch zu sehen.)

Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken.


Saladin (im Hereintreten).
Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiss
Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich
Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,
Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;--
Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's?

Ein Mameluck.
Erwuenschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ...
Die Karawane von Kahira kommt,
Ist gluecklich da! mit siebenjaehrigem
Tribut des reichen Nils.

Saladin. Brav, Ibrahim!
Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!--
Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank
Der guten Zeitung.

Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!)

Saladin.
Was wartst du?--Geh nur wieder.

Der Mameluck. Dem Willkommnen
Sonst nichts?

Saladin. Was denn noch sonst?

Der Mameluck. Dem guten Boten
Kein Botenbrot?--So waer' ich ja der erste,
Den Saladin mit Worten abzulehnen
Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste,
Mit dem er knickerte.

Saladin. So nimm dir nur
Dort einen Beutel.

Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst
Mir sie nun alle schenken wollen.

Saladin. Trotz!--
Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht?
Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher
Muss ihm es saurer werden, auszuschlagen,
Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt
Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt
Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?--
Will Saladin als Saladin nicht sterben?--
So musst' er auch als Saladin nicht leben.

Ein zweiter Mameluck.
Nun, Sultan!...

Saladin. Wenn du mir zu melden kommst...

Zweiter Mameluck.
Dass aus Aegypten der Transport nun da!

Saladin.
Ich weiss schon.

Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spaet!

Saladin. Warum
Zu spaet?--Da nimm fuer deinen guten Willen
Der Beutel einen oder zwei.

Zweiter Mameluck. Macht drei!

Saladin.
Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur.

Zweiter Mameluck.
Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn
Er anders kommen kann.

Saladin. Wie das?

Zweiter Mameluck. Je nu;
Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn
Sobald wir drei der Ankunft des Transports
Versichert waren, sprengte jeder frisch
Davon. Der Vorderste, der stuerzt'; und so
Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in
Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker
Die Gassen besser kennt.

Saladin. Oh, der gestuerzte!
Freund, der gestuerzte!--Reit ihm doch entgegen.

Zweiter Mameluck.
Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt:
So ist die Haelfte dieser Beutel sein. (Geht ab.)

Saladin.
Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!--
Wer kann sich solcher Mamelucken ruehmen?
Und waer' mir denn zu denken nicht erlaubt,
Dass sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort
Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt
Noch an ein anders zu gewoehnen!...

Ein dritter Mameluck. Sultan....

Saladin.
Bist du's, der stuerzte?

Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,--
Dass Emir Mansor, der die Karawane
Gefuehrt, vom Pferde steigt...

Saladin. Bring ihn! geschwind!--
Da ist er ja!--



Zweiter Auftritt

Emir Mansor und Saladin.


Saladin. Willkommen, Emir! Nun,
Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast
Uns lange warten lassen!

Mansor. Dieser Brief
Berichtet, was dein Abulkassem erst
Fuer Unruh' in Thebais daempfen muessen:
Eh, wir es wagen durften abzugehen.
Den Zug darauf hab ich beschleuniget
Soviel, wie moeglich war.

Saladin. Ich glaube dir!
Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich...
Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische
Bedeckung nur sogleich. Du musst sogleich
Noch weiter; musst der Gelder groessern Teil
Auf Libanon zum Vater bringen.

Mansor. Gern!
Sehr gern!

Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja
Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon
Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht
Gehoert? Die Tempelherrn sind wieder rege.
Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo haelt
Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst
Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah.



Dritter Auftritt

Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und
niedergeht.


Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird
Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man
Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!--
Will's noch erleben, dass er sich's verbittet,
Vor seinem Hause mich so fleissig finden
Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch
Sehr aergerlich.--Was hat mich denn nun so
Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja:
Noch schlueg' er mir nichts ab. Und Saladin
Hat's ueber sich genommen, ihn zu stimmen.--
Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ
Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?--
Wer kennt sich recht? Wie koennt' ich ihm denn sonst
Den kleinen Raub nicht goennen wollen, den
Er sich's zu solcher Angelegenheit
Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich;
Kein kleiner Raub, ein solch Geschoepf!--Geschoepf?
Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf
Des Lebens oeden Strand den Block gefloesst,
Und sich davongemacht? Des Kuenstlers doch
Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke
Die goettliche Gestalt sich dachte, die
Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater
Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt
In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir
Sie lediglich als Christendirne denke,
Sie sonder alles das mir denke, was
Allein ihr so ein Jude geben konnte:--
Sprich, Herz,--was waer' an ihr, das dir gefiel?
Nichts! Wenig! Selbst ihr Laecheln, waer' es nichts
Als sanfte schoene Zuckung ihrer Muskeln;
Waer', was sie laecheln macht, des Reizes unwert,
In den es sich auf ihrem Munde kleidet:--
Nein; selbst ihr Laecheln nicht! Ich hab es ja
Wohl schoener noch an Aberwitz, an Tand,
An Hoehnerei, an Schmeichler und an Buhler
Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert?
Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben
In seinem Sonnenscheine zu verflattern?--
Ich wuesste nicht. Und bin auf den doch launisch,
Der diesen hoehern Wert allein ihr gab?
Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente,
Mit dem mich Saladin entliess! Schon schlimm
Genug, dass Saladin es glauben konnte!
Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie
Veraechtlich!--Und das alles um ein Maedchen?--
Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends
Mir Daja nur was vorgeplaudert haette,
Was schwerlich zu erweisen stuende?--Sieh,
Da tritt er endlich, im Gespraech vertieft,
Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm?
Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so weiss
Er sicherlich schon alles! ist wohl gar
Dem Patriarchen schon verraten!--Ha!
Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Dass
Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft
Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!--
Geschwind entschliess dich, was nunmehr zu tun!
Ich will hier seitwaerts ihrer warten;--ob
Vielleicht der Klosterbruder ihn verlaesst.



Vierter Auftritt

Nathan und der Klosterbruder.


Nathan (im Naeherkommen).
Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!

Klosterbruder.
Und Ihr desgleichen!

Nathan. Ich? von Euch? wofuer?
Fuer meinen Eigensinn, Euch aufzudraengen,
Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur
Auch nachgegeben haett'; Ihr mit Gewalt
Nicht wolltet reicher sein, als ich.

Klosterbruder. Das Buch
Gehoert ja ohnedem nicht mir; gehoert
Ja ohnedem der Tochter; ist ja so
Der Tochter ganzes vaeterliches Erbe.
Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur,
Dass Ihr es nie bereuen duerft, so viel
Fuer sie getan zu haben!

Nathan. Kann ich das?
Das kann ich nie. Seid unbesorgt!

Klosterbruder. Nu, nu!
Die Patriarchen und die Tempelherren...

Nathan.
Vermoegen mir des Boesen nie so viel
Zu tun, dass irgend was mich reuen koennte:
Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz
Versichert, dass ein Tempelherr es ist,
Der Euern Patriarchen hetzt?

Klosterbruder. Es kann
Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr
Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hoerte,
Das klang darnach.

Nathan. Es ist doch aber nur
Ein einziger itzt in Jerusalem.
Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.
Ein junger, edler, offner Mann!

Klosterbruder. Ganz recht;
Der naemliche!--Doch was man ist, und was
Man sein muss in der Welt, das passt ja wohl
Nicht immer.

Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's
Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!
Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen;
Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.

Klosterbruder.
Viel Gluecks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.

Nathan.
Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja
Doch bald, doch fleissig wieder.--Wenn nur heut
Der Patriarch noch nichts erfaehrt!--Doch was?
Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.

Klosterbruder. Ich nicht.
Lebt wohl! (Geht ab.)

Nathan. Vergesst uns ja nicht, Bruder!--Gott!
Dass ich nicht hier gleich unter freiem Himmel
Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich
Der Knoten, der so oft mir bange machte,
Nun von sich selber loeset!--Gott! wie leicht
Mir wird, dass ich nun weiter auf der Welt
Nichts zu verbergen habe! dass ich vor
Den Menschen nun so frei kann wandeln, als
Vor dir, der du allein den Menschen nicht
Nach seinen Taten brauchst zu richten, die
So selten seine Taten sind, o Gott!--



Fuenfter Auftritt

Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt.


Tempelherr.
He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!

Nathan. Wer ruft?--
Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, dass
Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?

Tempelherr.
Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's
Nicht uebel.

Nathan. Ich nicht; aber Saladin...

Tempelherr.
Ihr wart nur eben fort...

Nathan. Und spracht ihn doch?
Nun, so ist's gut.

Tempelherr. Er will uns aber beide
Zusammen sprechen.

Nathan. Desto besser. Kommt
Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm.

Tempelherr.
Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer
Euch da verliess?

Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht?

Tempelherr.
War's nicht die gute Haut, der Laienbruder,
Des sich der Patriarch so gern zum Stoeber
Bedient?

Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist
Er allerdings.

Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht uebel:
Die Einfalt vor der Schurkerei voraus-
Zuschicken.

Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme.

Tempelherr.
An fromme glaubt kein Patriarch.

Nathan. Fuer den
Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen
Nichts Ungebuehrliches vollziehen helfen.

Tempelherr.
So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat
Er Euch von mir denn nichts gesagt?

Nathan. Von Euch?
Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er weiss
Ja wohl auch schwerlich Euern Namen?

Tempelherr. Schwerlich.

Nathan.
Von einem Tempelherren freilich hat
Er mir gesagt...

Tempelherr. Und was?

Nathan. Womit er Euch
Doch ein fuer allemal nicht meinen kann!

Tempelherr.
Wer weiss? Lasst doch nur hoeren.

Nathan. Dass mich einer
Bei seinem Patriarchen angeklagt...

Tempelherr.
Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst--
Erlogen.--Hoert mich, Nathan!--Ich bin nicht
Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen
Imstande waere. Was ich tat, das tat ich!
Doch bin ich auch nicht der, der alles, was
Er tat, als wohlgetan verteid'gen moechte.
Was sollt' ich eines Fehls mich schaemen? Hab
Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?
Und weiss ich etwa nicht, wie weit mit dem
Es Menschen bringen koennen?--Hoert mich, Nathan!--
Ich bin des Laienbruders Tempelherr,
Der Euch verklagt soll haben, allerdings.--
Ihr wisst ja, was mich wurmisch machte! was
Mein Blut in allen Adern sieden machte!
Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel'
Euch in die Arme mich zu werfen. Wie
Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau
Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen
Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;
Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen
Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:
Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn
Ich soll gelassen bleiben.--Hoert mich, Nathan!--
In dieser Gaerung schlich mir Daja nach,
Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf
Das mir den Aufschluss Euers raetselhaften
Betragens zu enthalten schien.

Nathan. Wie das?

Tempelherr.
Hoert mich nur aus!--Ich bildete mir ein,
Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen
So abgejagt, an einen Christen wieder
Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,
Euch kurz und gut das Messer an die Kehle
Zu setzen.

Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt
Das Gute?

Tempelherr. Hoert mich, Nathan!--Allerdings:
Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.--
Die Naerrin Daja weiss nicht was sie spricht--
Ist Euch gehaessig--sucht Euch nur damit
In einen boesen Handel zu verwickeln--
Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe,
Der immer nur an beiden Enden schwaermt;
Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut--
Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.

Nathan. Wenn
Ihr so mich freilich fasset--

Tempelherr. Kurz, ich ging
Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht
Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!
Ich hab ihm bloss den Fall ganz allgemein
Erzaehlt, um seine Meinung zu vernehmen.--
Auch das haett' unterbleiben koennen: ja doch!--
Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon
Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber
Nur gleich zur Rede stellen?--Musst' ich der
Gefahr, so einen Vater zu verlieren,
Das arme Maedchen opfern?--Nun, was tut's?
Die Schurkerei des Patriarchen, die
So aehnlich immer sich erhaelt, hat mich
Des naechsten Weges wieder zu mir selbst
Gebracht.--Denn hoert mich, Nathan; hoert mich aus!--
Gesetzt; er wuesst' auch Euern Namen: was
Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Maedchen
Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.
Er kann sie doch aus Euerm Hause nur
Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir!
Gebt sie nur mir; und lasst ihn kommen. Ha!
Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib
Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei
Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!
Sei Christin, oder Juedin, oder keines!
Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt
Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben
Darum befragen. Sei, wie's sei!

Nathan. Ihr waehnt
Wohl gar, dass mir die Wahrheit zu verbergen
Sehr noetig?

Tempelherr. Sei, wie's sei!

Nathan. Ich hab es ja
Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt--
Noch nicht geleugnet, dass sie eine Christin,
Und nichts als meine Pflegetochter ist.--
Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?--
Darueber brauch ich nur bei ihr mich zu
Entschuldigen.

Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr
Nicht brauchen.--Goennt's ihr doch, dass sie Euch nie
Mit andern Augen darf betrachten! Spart
Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja,
Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt
Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!
Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male
Euch retten kann--und will.

Nathan. Ja--konnte! konnte!
Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spaet.

Tempelherr.
Wieso? zu spaet?

Nathan. Dank sei dem Patriarchen...

Tempelherr.
Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofuer?
Dank haette der bei uns verdienen wollen?
Wofuer? wofuer?

Nathan. Dass wir nun wissen, wem
Sie unverwandt; nun wissen, wessen Haenden
Sie sicher ausgeliefert werden kann.

Tempelherr.
Das dank' ihm--wer fuer mehr ihm danken wird!

Nathan.
Aus diesen muesst Ihr sie nun auch erhalten;
Und nicht aus meinen.

Tempelherr. Arme Recha! Was
Dir alles zustoesst, arme Recha! Was
Ein Glueck fuer andre Waisen waere, wird
Dein Unglueck!--Nathan!--Und wo sind sie, diese
Verwandte?

Nathan. Wo sie sind?

Tempelherr. Und wer sie sind?

Nathan.
Besonders hat ein Bruder sich gefunden,
Bei dem Ihr um sie werben muesst.

Tempelherr. Ein Bruder?
Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?
Ein Geistlicher?--Lasst hoeren, was ich mir
Versprechen darf.

Nathan. Ich glaube, dass er keines
Von beiden--oder beides ist. Ich kenn
Ihn noch nicht recht.

Tempelherr. Und sonst?

Nathan. Ein braver Mann
Bei dem sich Recha gar nicht uebel wird
Befinden.

Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich weiss zuzeiten
Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:--
Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht
Die Christin spielen muessen, unter Christen?
Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt,
Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,
Den Ihr gesaet, das Unkraut endlich nicht
Ersticken?--Und das kuemmert Euch so wenig?
Dem ungeachtet koennt Ihr sagen--Ihr?
Dass sie bei ihrem Bruder sich nicht uebel
Befinden werde?

Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn
Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat
Sie Euch und mich denn nicht noch immer?--

Tempelherr. Oh!
Was wird bei ihm ihr mangeln koennen! Wird
Das Bruederchen mit Essen und mit Kleidung,
Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen
Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht
Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch
Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den
Wird ihr das Bruederchen zu seiner Zeit
Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!
Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan!
Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,
Den Euch nun andre so verhunzen werden!

Nathan.
Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe
Noch immer wert genug behaupten.

Tempelherr. Sagt
Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht!
Denn die laesst nichts sich unterschlagen; nichts.
Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen!
Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit
Ihr vorgeht?

Nathan. Moeglich; ob ich schon nicht wuesste,
Woher?

Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie muss
In beiden Faellen, was ihr Schicksal droht,
Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,
Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,
Als bis ich sie die Meine nennen duerfe,
Faellt weg. Ich eile...

Nathan. Bleibt! wohin?

Tempelherr. Zu ihr!
Zu sehn, ob diese Maedchenseele Manns genug
Wohl ist, den einzigen Entschluss zu fassen,
Der ihrer wuerdig waere!

Nathan. Welchen?

Tempelherr. Den:
Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht
Zu fragen--

Nathan. Und?

Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn
Sie drueber eines Muselmannes Frau
Auch werden muesste.

Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht.
Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.

Tempelherr.
Seit wenn? warum?

Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen
Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit.

Tempelherr.
Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?

Nathan.
Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!

(Er fuehrt ihn fort.)



Sechster Auftritt

(Szene: in Sittahs Harem.)

Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.


Sittah.
Was freu ich mich nicht deiner, suesses Maedchen!--
Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schuechtern!--
Sei munter! sei gespraechiger! vertrauter!

Recha.
Prinzessin....

Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn
Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester.
Nenn mich dein Muetterchen!--Ich koennte das
Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm!
Was du nicht alles weisst! nicht alles musst
Gelesen haben!

Recha. Ich gelesen?--Sittah,
Du spottest deiner kleinen albern Schwester.
Ich kann kaum lesen.

Sittah. Kannst kaum, Luegnerin!

Recha.
Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte,
Du spraechst von Buechern.

Sittah. Allerdings! von Buechern.

Recha.
Nun, Buecher wird mir wahrlich schwer zu lesen!

Sittah. Im Ernst?

Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt
Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich
Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drueckt,
Zu wenig.

Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes
Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was
Du weisst...?

Recha. Weiss ich allein aus seinem Munde
Und koennte bei dem meisten dir noch sagen,
Wie? wo? warum? er mich's gelehrt.

Sittah. So haengt
Sich freilich alles besser an. So lernt
Mit eins die ganze Seele.--

Recha. Sicher hat
Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!

Sittah.
Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil.
Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?

Recha.
Sie ist so schlecht und recht; so unverkuenstelt;
So ganz sich selbst nur aehnlich...

Sittah. Nun?

Recha. Das sollen
Die Buecher uns nur selten lassen! sagt
Mein Vater.

Sittah. O was ist dein Vater fuer
Ein Mann!

Recha. Nicht wahr?

Sittah. Wie nah er immer doch
Zum Ziele trifft!

Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater--

Sittah.
Was ist dir, Liebe?

Recha. Diesen Vater--

Sittah. Gott!
Du weinst?

Recha. Und diesen Vater--Ah! es muss
Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft...

(Wirft sich, von Traenen ueberwaeltiget, zu ihren Fuessen.)

Sittah. Kind, was
Geschieht dir? Recha?

Recha. Diesen Vater soll--
Soll ich verlieren!

Sittah. Du? verlieren? ihn?
Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf!

Recha.
Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,
Zu meiner Schwester nicht erboten haben!

Sittah.
Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich muss
Sonst Hilfe rufen.

Recha (die sich ermannt und aufsteht).
Ah! verzeih! vergib!
Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer
Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein
Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft
Will alles ueber sie allein vermoegen.
Wes Sache diese bei ihr fuehrt, der siegt!

Sittah.
Nun dann?

Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester
Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, dass mir
Ein andrer Vater aufgedrungen werde!

Sittah.
Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir?
Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?

Recha.
Wer? Meine gute boese Daja kann
Das wollen,--will das koennen.--ja; du kennst
Wohl diese gute boese Daja nicht?
Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr!
Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Boeses
Erwiesen!

Sittah. Boeses dir?--So muss sie Gutes
Doch wahrlich wenig haben.

Recha. Doch! recht viel,
Recht viel!

Sittah. Wer ist sie?

Recha. Eine Christin, die
In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so
Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter
So wenig missen lassen!--Gott vergelt'
Es ihr!--Die aber mich auch so geaengstet!
Mich so gequaelt!

Sittah. Und ueber was? warum?
Wie?

Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja
Ist eine Christin;--muss aus Liebe quaelen;
Ist eine von den Schwaermerinnen, die
Den allgemeinen, einzig wahren Weg
Nach Gott zu wissen waehnen!

Sittah. Nun versteh ich!

Recha.
Und sich gedrungen fuehlen, einen jeden,
Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.--
Kaum koennen sie auch anders. Denn ist's wahr,
Dass dieser Weg allein nur richtig fuehrt:
Wie sollen sie gelassen ihre Freunde
Auf einem andern wandeln sehn,--der ins
Verderben stuerzt, ins ewige Verderben?
Es muesste moeglich sein, denselben Menschen
Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.--
Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen
Mich ueber sie zu fuehren zwingt. Ihr Seufzen,
Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen haett'
Ich gern noch laenger ausgehalten; gern!
Es brachte mich doch immer auf Gedanken,
Die gut und nuetzlich. Und wem schmeichelt's doch
Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,
Von wem's auch sei, gehalten fuehlen, dass
Er den Gedanken nicht ertragen kann,
Er muess' einmal auf ewig uns entbehren!

Sittah.
Sehr wahr!

Recha. Allein--allein--das geht zu weit!
Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht
Geduld, nicht Ueberlegung; nichts!

Sittah. Was? wem?

Recha.
Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.

Sittah.
Entdeckt? und eben itzt?

Recha. Nur eben itzt!
Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem
Verfallnen Christentempel. Ploetzlich stand
Sie still; schien mit sich selbst zu kaempfen; blickte
Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald
Auf mich. Komm, sprach sie endlich, lass uns hier
Durch diesen Tempel in die Richte gehn!
Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift
Mit Graus die wankenden Ruinen durch.
Nun steht sie wieder; und ich sehe mich
An den versunknen Stufen eines morschen
Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da
Mit heissen Traenen, mit gerungnen Haenden
Zu meinen Fuessen stuerzte...

Sittah. Gutes Kind!

Recha.
Und bei der Goettlichen, die da wohl sonst
So manch Gebet erhoert, so manches Wunder
Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken
Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner
Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu
Vergeben, wenn sie mir entdecken muesse,
Was ihre Kirch' auf mich fuer Anspruch habe.

Sittah.
(Unglueckliche!--Es ahnte mir!)

Recha. Ich sei
Aus christlichem Gebluete; sei getauft;
Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!--
Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah!
Sieh mich aufs neu' zu deinen Fuessen...

Sittah. Recha!
Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder koemmt! steh auf!



Siebenter Auftritt

Saladin und die Vorigen.


Saladin.
Was gibt's hier, Sittah?

Sittah. Sie ist von sich! Gott!

Saladin.
Wer ist's?

Sittah. Du weisst ja...

Saladin. Unsers Nathans Tochter?
Was fehlt ihr?

Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan...

Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Fuessen schleppt, den Kopf
zur Erde gesenkt).
Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher
Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher
Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit
Und Guete nicht in seinen Augen, nicht
Auf seiner Stirn bewundern...

Saladin. Steh... steh auf!

Recha.
Eh' er mir nicht verspricht...

Saladin. Komm! ich verspreche...
Sei was es will!

Recha. Nicht mehr, nicht weniger,
Als meinen Vater mir zu lassen; und
Mich ihm!--Noch weiss ich nicht, wer sonst mein Vater
Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch
Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut
Den Vater? nur das Blut?

Saladin (der sie aufhebt).
Ich merke wohl!--
Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst
Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist
Es denn schon voellig ausgemacht? erwiesen?

Recha.
Muss wohl! Denn Daja will von meiner Amm'
Es haben.

Saladin. Deiner Amme!

Recha. Die es sterbend
Ihr zu vertrauen sich verbunden fuehlte.

Saladin.
Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und waer's
Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein
Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum
Den Vater eines Tieres! gibt zum hoechsten
Das erste Recht, sich diesen Namen zu
Erwerben!--Lass dir doch nicht bange sein!
Und weisst du was? Sobald der Vaeter zwei
Sich um dich streiten:--lass sie beide; nimm
Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater!

Sittah.
O tu's! o tu's!

Saladin. Ich will ein guter Vater,
Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir faellt
Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn
Der Vaeter ueberhaupt? Wenn sie nun sterben?
Beizeiten sich nach einem umgesehn,
Der mit uns um die Wette leben will!
Kennst du noch keinen?...

Sittah. Mach sie nicht erroeten!

Saladin.
Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.
Erroeten macht die Haesslichen so schoen:
Und sollte Schoene nicht noch schoener machen?--
Ich habe deinen Vater Nathan; und
Noch einen--einen noch hierher bestellt.
Erraetst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch
Erlauben, Sittah?

Sittah. Bruder!

Saladin. Dass du ja
Vor ihm recht sehr erroetest, liebes Maedchen!

Recha.
Vor wem? erroeten?...

Saladin. Kleine Heuchlerin!
Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst
Und kannst!--

(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.)

Sie sind doch etwa nicht schon da?

Sittah (zur Sklavin).
Gut! lass sie nur herein.--Sie sind es, Bruder!



Letzter Auftritt

Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.


Saladin.
Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich,
Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen
Bedeuten, dass du nun, sobald du willst,
Dein Geld kannst wieder holen lassen!

Nathan. Sultan!

Saladin.
Nun steh ich auch zu deinen Diensten.

Nathan. Sultan!

Saladin.
Die Karawan' ist da. Ich bin so reich
Nun wieder, als ich lange nicht gewesen.
Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Grosses
Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr,
Ihr Handelsleute, koennt des baren Geldes
Zuviel nie haben!

Nathan. Und warum zuerst
Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort
Ein Aug' in Traenen, das zu trocknen, mir
Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.)
Du hast geweint?
Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch?

Recha.
Mein Vater!...

Nathan. Wir verstehen uns. Genug!--
Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz
Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst
Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist
Dir unverloren!

Recha. Keiner, keiner sonst!

Tempelherr.
Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen.
Was man nicht zu verlieren fuerchtet, hat
Man zu besitzen nie geglaubt, und nie
Gewuenscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das aendert, Nathan,
Das aendert alles!--Saladin, wir kamen
Auf dein Geheiss. Allein, ich hatte dich
Verleitet; itzt bemueh dich nur nicht weiter!

Saladin.
Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles
Dir denn entgegenkommen? Alles dich
Erraten?

Tempelherr. Nun du hoerst ja! siehst ja, Sultan!

Saladin.
Ei wahrlich!--Schlimm genug, dass deiner Sache
Du nicht gewisser warst!

Tempelherr. So bin ich's nun.

Saladin.
Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,
Nimmt sie zurueck. Was du gerettet, ist
Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst waer'
Der Raeuber, den sein Geiz ins Feuer jagt,
So gut ein Held wie du!

(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzufuehren.)

Komm, liebes Maedchen,
Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn waer'
Er anders; waer' er minder warm und stolz:
Er haett' es bleibenlassen, dich zu retten.
Du musst ihm eins fuers andre rechnen.--Komm!
Beschaem ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!
Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!
Und wenn er dich verschmaeht; dir's je vergisst,
Wie ungleich mehr in diesem Schritte du
Fuer ihn getan, als er fuer dich... Was hat
Er denn fuer dich getan? Ein wenig sich
Beraeuchern lassen! ist was Rechts!--so hat
Er meines Bruders, meines Assad, nichts!
So traegt er seine Larve, nicht sein Herz.
Komm, Liebe...

Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist
Fuer deine Dankbarkeit noch immer wenig;
Noch immer nichts.

Nathan. Halt Saladin! halt Sittah!

Saladin.
Auch du?

Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen...

Saladin.
Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, koemmt
So einem Pflegevater eine Stimme
Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hoerst,
Ich weiss der Sache ganze Lage.

Nathan. Nicht so ganz!--
Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;
Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,
Doch auch vorher zu hoeren bitte.

Saladin.--Wer?

Nathan.
Ihr Bruder!

Saladin. Rechas Bruder?

Nathan. Ja!

Recha. Mein Bruder?
So hab ich einen Bruder?

Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend).
Wo? wo ist
Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt'
Ihn hier ja treffen.

Nathan. Nur Geduld!

Tempelherr (aeusserst bitter). Er hat
Ihr einen Vater aufgebunden:--wird
Er keinen Bruder fuer sie finden?

Saladin. Das
Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger
Verdacht waer' ueber Assads Lippen nicht
Gekommen.--Gut! fahr nur so fort!

Nathan. Verzeih
Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer weiss, was wir
An seiner Stell', in seinem Alter daechten!
(Freundschaftlich auf ihn zugehend.)
Natuerlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Misstraun!--
Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich
Gewuerdigt haettet...

Tempelherr. Wie?

Nathan. Ihr seid kein Stauffen!

Tempelherr.
Wer bin ich denn?

Nathan. Heisst Curd von Stauffen nicht!

Tempelherr.
Wie heiss ich denn?

Nathan. Heisst Leu von Filnek.

Tempelherr. Wie?

Nathan.
Ihr stutzt?

Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das?

Nathan. Ich; der mehr,
Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes
Euch keiner Luege.

Tempelherr. Nicht?

Nathan. Kann doch wohl sein,
Dass jener Nam' Euch ebenfalls gebuehrt.

Tempelherr.
Das sollt' ich meinen!--(Das hiess Gott ihn sprechen!)

Nathan.
Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin.
Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,
Dem Eure Eltern Euch in Deutschland liessen,
Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,
Sie wieder hierzulande kamen:--Der
Hiess Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt
Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid
Ihr lange schon mit ihm nun auch herueber-
Gekommen? Und er lebt doch noch?

Tempelherr. Was soll
Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's!
Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten
Verstaerkung unsers Ordens.--Aber, aber--
Was hat mit diesem allen Rechas Bruder
Zu schaffen?

Nathan. Euer Vater...

Tempelherr. Wie? auch den
Habt Ihr gekannt? Auch den?

Nathan. Er war mein Freund.

Tempelherr.
War Euer Freund? Ist's moeglich, Nathan!...

Nathan. Nannte
Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher...

Tempelherr.
Ihr wisst auch das?

Nathan. War einer Deutschen nur
Vermaehlt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland
Auf kurze Zeit gefolgt...

Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt
Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder...

Nathan.
Seid Ihr!

Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder?

Recha. Er mein Bruder?

Sittah.
Geschwister!

Saladin. Sie Geschwister!

Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder!

Tempelherr (tritt zurueck).
Ihr Bruder!

Recha (haelt an, und wendet sich zu Nathan).
Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz
Weiss nichts davon!--Wir sind Betrueger! Gott!

Saladin (zum Tempelherrn).
Betrueger? wie? Das denkst du? kannst du denken?
Betrueger selbst! Denn alles ist erlogen
An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!
So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!

Tempelherr (sich demuetig ihm nahend).
Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!
Verkenn in einem Augenblick', in dem
Du schwerlich deinen Assad je gesehen,
Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.)
Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!
Mit vollen Haenden beides!--Nein! Ihr gebt
Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!
(Recha um den Hals fallend.)
Ah! meine Schwester! meine Schwester!

Nathan. Blanda
Von Filnek.

Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht?
Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstosst
Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!
Verstosst sie meinetwegen!--Nathan! Nathan!
Warum es sie entgelten lassen? sie!

Nathan.
Und was?--O meine Kinder! meine Kinder!
Denn meiner Tochter Bruder waer' mein Kind
Nicht auch,--sobald er will?
(Indem er sich ihren Umarmungen ueberlaesst, tritt Saladin mit unruhigem
Erstaunen zu seiner Schwester.)

Saladin. Was sagst du, Schwester?

Sittah.
Ich bin geruehrt...

Saladin. Und ich,--ich schaudere
Vor einer groessern Ruehrung fast zurueck!
Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.

Sittah.
Wie?

Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort!

(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm
ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.)

Hoer! hoer doch, Nathan! Sagtest du vorhin
Nicht--?

Nathan. Was?

Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht
Gewesen; ein geborner Deutscher nicht.
Was war er denn? Wo war er sonst denn her?

Nathan.
Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.
Aus seinem Munde weiss ich nichts davon.

Saladin.
Und war auch sonst kein Frank? kein Abendlaender?

Nathan.
Oh! dass er der nicht sei, gestand er wohl.
Er sprach am liebsten Persisch...

Saladin. Persisch? Persisch?
Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es!

Nathan. Wer?

Saladin.
Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad! ganz
Gewiss!

Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfaellst:--
Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!

(Ihm das Brevier ueberreichend.)

Saladin (es begierig aufschlagend).
Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!

Nathan.
Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir
Allein, was sie davon erfahren sollen!

Saladin (indes er darin geblaettert).
Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?
Ich meine Neffen--meine Kinder nicht?
Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?
(Wieder laut.)
Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's!
Sind beide meines... deines Bruders Kinder!
(Er rennt in ihre Umarmungen.)

Sittah (ihm folgend).
Was hoer ich!--Konnt's auch anders, anders sein!--

Saladin (zum Tempelherrn).
Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben!
(Zu Recha.)
Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?
Magst wollen, oder nicht!

Sittah. Ich auch! ich auch!

Saladin (zum Tempelherrn zurueck).
Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!

Tempelherr.
Ich deines Bluts!--So waren jene Traeume,
Womit man meine Kindheit wiegte, doch--
Doch mehr als Traeume!
(Ihm zu Fuessen fallend.)

Saladin (ihn aufhebend).
Seht den Boesewicht!
Er wusste was davon, und konnte mich
Zu seinem Moerder machen wollen! Wart!

(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen faellt der Vorhang.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold
Ephraim Lessing.







End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE ***

This file should be named 7nthn10.txt or 7nthn10.zip
Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7nthn11.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7nthn10a.txt

Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03

Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

